Art and
the right half of the brain
Speech Bielefeld 15.3.1984, Einrichtungshaus Eggert
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Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben sicher etwas gestutzt, als Sie der Einladung entnahmen, daß
ich über Kunst und die rechte Gehirnhälfte" sprechen will.
Ich hoffe, daß ich Sie ein bißchen neugierig gemacht habe, denn
ich glaube, daß die neueren Erkenntnisse der
Gehirnphysiologie zum Verständnis der Eigenart von Kunst
viel beitragen können.
Wie jedermann weiß, sind die Funktionen der Körperhälften
über Kreuz mit den Gehirnhälften verbunden, so daß etwa ein
linksseitiger Schlaganfall eine rechtsseitige Lähmung hervorruft und
umgekehrt. Seit dem ersten Weltkrieg ist man gewahr geworden, daß
Sprachstörungen nur bei linksseitigen Gehirnverletzungen auftreten,
woraus geschlossen werden durfte, daß das Sprachvermögen links
sitzt. Man hat versucht, Genaueres herauszufinden, mit wenig Erfolg.
Eine neuere Theorie vergleicht das Gehirn mit einem
Hologramm: Man kann eine Hologrammplatte beliebig zerschneiden,
trotzdem produziert jedes der Teile bei Projektion doch wieder das ganze
Bild, höchstens etwas vergröbert. So wie also hier jeder Teil das
Ganze enthält, so könnte z.B. eine bestimmte Erinnerung an jeder
Stelle des Gehirns gespeichert sein, statt an einer bestimmten, wie man
zunächst dachte.
Seit Mitte der 60er Jahre ist eine ganze Reihe bedeutender Entdeckungen gemacht
worden, die erhebliche Konsequenzen für die verschiedensten Disziplinen
haben, bis hin zu Fragen der Lebensführung. Das Westdeutsche Fernsehen
sogar hat kürzlich in einer mehrteiligen Reihe im 3. Programm darüber
zu informieren gesucht.
Anlaß war eine Operation bei etwa 25 schweren Epileptikern, vornehmlich
in den USA. Beide Gehirnhälften werden durch eine Brücke, das Corpus
Callosum, verbunden. Bei diesen Patienten wurde das Corpus Callosum durchtrennt.
Ebenso wie über die rechte Gehirnhälfte war über diese
Verbindungsbrücke so gut wie nichts bekannt. Durch diese Trennung der
Gehirnhälften hatte man die Gelegenheit, durch zu erfindenden Versuche
Erkenntnisse über die Funktionen der Gehirnhälften zu bekommen.
Eine der Versuchsanordnungen sah z.B. so aus: die Versuchsperson schaute
auf die Mitte eines Projektionsschirms, auf den ganz kurz rechts das Bild
einer Schere und links das Bild eines Löffels projiziert wurde, so daß
nur die entsprechenden Augen die jeweiligen Bilder wahrnehmen konnten.
Dann wurde die Versuchsperson gebeten, mit Worten zu beschreiben, was sie
gesehen hatte. Die Antwort lautete: Schere". Gleichzeitig schüttelte
sie jedoch den Kopf, sagte dann: Warum schüttele ich den Kopf?"
Gebeten, unter einem Tuch in einem Sammelsurium nach dem gesehenen Gegenstand
zu greifen und ihn zu zeigen, wählte die Versuchsperson den Löffel
aus. Wie ist das zu verstehen?
Eine Fülle ähnlicher und anderer spitzfindiger Experimente zeigte,
daß beide Gehirnhälften höchst unterschiedliche Funktionen
erfüllen, sich dabei gegenseitig ergänzen und beide in ihrem
Zusammenspiel, das über die Verbindungsbrücke geleistet wird,
lebensnotwendig sind.
Im geschilderten Versuchsfall hat die linke Gehirnhälfte, der Sprache
mächtig, den mit dem rechten Auge gesehenen Gegenstand Schere benannt.
Die rechte Gehirnhälfte, des Kontakts zur linken beraubt, daher sprachlos,
hat ihre abweichende Information nur durch den stummen Protest des
Kopfschüttelns anmelden können. Das Fühlen und Tasten unter
dem Tuch aber war Sache der rechten Gehirnhälfte, die nun den vom linken
Auge erblickten Gegenstand Löffel präsentieren konnte, während
die linke Gehirnhälfte das Nachsehen hatte.
Dieser Streit zwischen beiden Gehirnhälften ist für die betroffenen
Patienten oft grotesk und trägt zuweilen sogar tragische Züge.
Für uns Normalmenschen ergeben sich aus den durch sie gewonnenen
Erkenntnissen jedoch äußerst wichtige Einsichten.
Zunächst stellt sich heraus, daß beide Gehirnhälften höchst
unterschiedliche Funktionen haben, von denen hier nur einige aufgezählt
werden können. So ist links die Sprache beheimatet, rechts das
bild-räumliche Erleben, links die Logik, rechts die Paradoxie, links
die Abstraktion, rechts die Konkretheit, links die zeitliche Abfolge, rechts
das simultane Erleben, links die Rationalität, rechts das Gefühl,
links die Deduktion, rechts die Intuition, usw.
Den soeben geschilderten Streit beider Hälften bei der Versuchsperson
kennen sicher auch einige von Ihnen, so wenn man etwa nach einem intensiven
Vortrag sinniert: die Worte haben mich überzeugt, aber irgendetwas
gefällt mir an der Sache nicht. Die rechte Seite hat also Informationen
gesammelt, die sprachlich nicht ausdrückbar sind, die denen der linken
Seite aber jedenfalls widersprechen.
Ein anderes Beispiel: Täglich viele Male erfassen wir eine Situation,
etwa einen Gesprächspartner, eine Stimmungslage, eine Verkehrsgefahr,
augenblicklich, also mit der rechten Seite, und richten unser Handeln unmittelbar
danach ein. Ein Lehrer etwa versucht mit einem Blick den Klassenzustand
einzuschätzen, die Schüler ihrerseits genauso die Stimmung des
Lehrers, usw.
Wie die wenigen Beispiele schon zeigen, ist diese Funktion absolut lebenswichtig
und kann ebenso wie andere vernachlässigt oder vervollkommnet werden.
Ein verantwortlich mit Menschen Umgehender braucht z.B. in hohem Maße
Menschenkenntnis, worüber sich bekanntlich schlecht disputieren
läßt: durch Bücher läßt sich so etwas nicht lehren,
Worte sind da wenig hilfreich.
Soll dagegen eine Situation analysiert werden, kommt die linke Seite voll
zum Zuge, die dann schritt für Schritt logisch-ableitend die Sprache
einsetzt. Betrachtet man daraufhin unsere Lehr-, Trainings- und
Erziehungssysteme, so wird schnell deutlich, daß unsere Aufmerksamkeit
fast ausschließlich der Entwicklung der Funktionen der linken
Gehirnhälfte dienen, während die der rechten wenn nicht ausgesprochen
unterdrückt, so doch wenigstens stark vernachlässigt werden.
Dies hat z.B. die Folge, daß wir in unserer Zivilisation hartnäckig
Ziele verfolgen können, die ganz offensichtlich höchst schädlich
für uns sind. Vielleicht werden wir es sogar schaffen, uns selbst und
vielem Anderen mit uns ein endgültiges Ende zu setzen. Es gibt sogar
Leute, die in der Lage sind, sich diese Apokalypse als logisch und konsequent
auszumalen.
Sie werden nun sicher langsam hören wollen, was dies alles mit Kunst
zu tun hat. Wenn Sie sich vergegenwärtigen, daß Kunst zwar eine
außerordentlich große Rolle im öffentlichen Bewußtsein
spielt, aber doch irgendwie nicht recht begründbar erscheint, im Gegensatz
etwa zu Straßen, Kindergärten oder Abgasfilteranlagen, so könnte
nach dem vorher Gesagten schon der Verdacht aufkommen, daß hier die
rechte Seite zu ihrem Recht kommt, während die linke
Verständnislosigkeit zeigt.
Ebenso wie die Gabe der Menschenkenntnis scheint Kunstverstand ein Geschenk
des Himmels zu sein, kein Lehrplan, keine Institution gibt vor, in beider
Hinsicht etwas erreichen zu wollen oder zu können. Die für Kunst
bezahlten und immer wieder bestaunten Preise bis in Eigenheim- bis
Schloßpreis-Höhen zeigen allerdings ebenso wie etwa die Umsätze
am Musikmarkt die Stärke der Bedürfnisse, die offenbar unbedingt
befriedigt werden müssen.
Es kann aber Genaueres gesagt werden. Das bildliche Gestalten und ebenso
das Genießen von Bildern ist eine Funktion der rechten Gehirnhälfte.
In den letzen 15 Jahren ist sogar eine Zeichenschule entwickelt worden, die
im wesentlichen darauf abzielt, Aufgaben zu stellen, die die linke
Gehirnhälfte überfordern, so daß die rechte, die aufgrund
unserer einseitig links ausgerichteten Zivilisation stets von der linken
dominiert wird, die Führung übernehmen kann. Die rechte
Gehirnhälfte ist dann in ihrem Element und bewältigt die Aufgaben
dann sozusagen mit links.
Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Wenn Sie ein Portrait zeichnen
müßten, würden Sie furchtbar enttäuscht sein von Ihrem
Produkt: denn Ihre linke Gehirnhälfte, gewohnt, alles zu erledigen,
würde z.B. anstelle der Augen nicht zeichnen, was Sie sehen, sondern
ein Symbol setzen: eine Mandelform mit einem Punkt für die Pupille z.B.
Nun können sie die linke Seite überfordern, wenn Sie ausblenden,
daß es sich bei der beobachteten Form um ein Auge handelt, und sich
statt auf die Form der Lider und der Pupille konzentrieren auf die Form des
Weißen im Auge. Das Weiße hat nämlich mit Pupille und Lidern
gemeinsame Ränder: indem Sie das Weiße zeichnen, produzieren Sie
die Formen der Lider und der Pupille automatisch mit. Für die Form des
Weißen hat die linke Seite nämlich keinen Begriff, kein Symbol,
das sagt sie: was ist das blöd und langweilig und zieht sich
schließlich zurück.
Die rechte Seite aber ist spezialisiert auf das Erkennen von Formen und kleinsten
Abweichungen. Jeder von Ihnen kann bekannte Gesichter schon auf wahnwitzige
Entfernungen erkennen, Gemütslagen genau deuten und kleinste
Veränderungen, etwa leichte Schwellungen, sofort identifizieren: mein
Gott, kriegst du etwa die Grippe? Ist dann die Reaktion.
Die rechte Seite also nimmt sich des Problems an und produziert nach
kürzester Übung gekonnt Augen, Portraits, was immer Sie wollen.
Damit ist allerdings noch lange nicht die Rede von Kunst; aber der Wechsel
von der linken zur rechten Seite, einmal beobachtet, wird deutlich wahrnehmbar.
Der Moment des Übergangs selbst entzieht sich der Wahrnehmung, ähnlich
wie der Moment des Einschlafens, aber Befindlichkeit im rechten Zustand selbst
ist deutlich wahrnehmbar und den meisten Menschen auch bekannt.
Er ist charakterisiert durch Verlust des Zeitgefühls, Verankertsein
im Hier-und-Jetzt, Einssein mit sich selbst, dem Objekt und der Handlung,
schlafwandlerische Sicherheit, ein Gefühl des Schwebens bis hin zur
Euphorie, Anmut und Sparsamkeit der Bewegungen, zugleich höchste
Konzentration und Entspanntheit, eine freudige Gestimmtheit und energiegeladene
Stimmung hinterher, selbst nach vielstündiger intensivster Tätigkeit.
Manch einer kennt dies von der versunkenen Lektüre in Bann schlagender
Bücher, ich selbst kenne es vom Tanzen, wo ich, günstige Umstände
vorausgesetzt, eins mit der Musik bin und Bewegungen und Bewegungsfolgen
ausführe, harmonisch, elegant, anmutig, verblüffend in ihrer
Entwicklung, die unweigerlich zum Sturz führten, würde ich mich
z.B. selbst beobachten: nicht ich tanze zur Musik, die Musik tanzt mich -
und dann natürlich von der Malerei her, in jahrzehntelanger Bemühung
entdeckt, verwirrt und widerwillig akzeptiert, denn wie gesagt, die linke
Seite ist hartnäckig und will die Kontrolle nicht aufgeben.
Meine Erfahrungen führten dazu, daß ich irgendwann einmal die
Bemerkung formulierte, daß meine Aufgabe als Maler darin besteht, das
Bild sich selbst malen zu lassen. Das klingt wie ein guter Aphorismus, aber
wer soll mit einer solchen Aussage etwas anfangen?
Natürlich bin ich nicht der Erste und Einzige, der solche Erfahrungen
gemacht hat; zwar nennt sich heute auch Manches Kunst, was links produziert
wird, aber aus den Zeugnissen des Jahrtausende bis heute spricht immer wieder
das Geheimnis des Schöpferischen, das Erschauern des Künstlers
vor dem eigenen Produkt und dem Werkprozeß, der ihn sich selbst als
ein Werkzeug erleben läßt, bisweilen direktes Eingreifen der
Götter vermuten lassend.
Möglicherweise ergeben sich bei näherer Betrachtung noch weitere
Zusammenhänge. Im Westen greifen seit langem Meditations- und andere
Techniken um sich, deren Ziel vielleicht sein könnte, den rechten Seinsmodus
erfahrbar und zur Regel werden zu lassen.
Es ist jedenfalls verblüffend, den Trick mit dem
Weißen im Auge in der Lehre des indianischen Zauberers und Kriegers
Juan Matus wiederzufinden, der seinen Schüler Carlos
Castañeda dazu anhält, statt auf die Felsen sein Augenmerk
auf die Schatten zu richten, die diese Felsen werfen, oder sowohl dort wie
auch im Zen-Buddhismus die Forderung zu finden, im Hier-und-Jetzt
zu leben, die Handlungen und Entscheidungen sich selbst entwickeln zu lassen,
kräftesparend, harmonisch, anmutig einen Tanz zu tanzen. Die Koans
des Zen ebenso wie die Prüfungen und Aufgaben des Don Juan sind
direkte Herausforderungen an die linke Seite, unlösbar für diese,
ein Appell, das Handtuch zu schmeißen und den Weg frei zu geben.
Aber zurück zur Kunst. Die Ausführungen bisher betreffen nämlich
nicht nur den Künstler, sondern auch Sie selbst. Denn Bilder sind links
gar nicht erfaßbar, erfahrbar, und damit ergibt sich eine große
Schwierigkeit: unsere Zivilisation lebt links, ist rechts verkümmert,
und hat vorderhand zu Bildern, zu Kunst gar keinen Zugang. Es werden von
Berufenen, Fachleuten, Wissenschaftlern viele Worte über Kunst, Kunstwerke
und Künstler gemacht, ohne daß jemals in Rechnung gestellt wird,
daß der Zugang zur Kunst nicht über Worte geht, daß der
Schaffensprozeß nicht im linken, also z.B. diskursiv-logisch, sondern
daß beides im rechten Modus erfolgt, daß das Eigentliche der
Kunst sich dem Zugriff des Worts vollkommen entzieht.
Oft höre ich von Leuten, die eine sehr intensive Beziehung zu Kunstwerken
haben: Eigentlich verstehe ich gar nichts davon!" Das soll heißen,
sie wüßten nichts dazu zu sagen, und ist absolut abwertend gemeint.
Diese sinnlich-konkrete Beziehung aber ist das einzig Wichtige; das bewunderte
Gerede der Wortgewaltigen dient in vielen Fällen sogar dazu, den fehlenden
Zugang zu kaschieren. Die Ergebnisse der Gehirnphysiologie sind also auch
eine große Ermutigung für den Kunstliebhaber, sich selbst und
seine Erfahrungen ernst zu nehmen, Verunsicherungen durch intellektualisierte
Konzepte abzuwehren.
Wenn der Zugang, der Genuß da ist, so mag sich nach einiger Zeit auch
die linke Seite melden und ihre Fähigkeiten andienen. In Anerkenntnis
ihrer Grenzen kann sie hervorragende Arbeit leisten und die rechte Seite
ergänzen. Aber wehe, man wirft die Dinge durcheinander!
So möchte ich Ihnen zum Schluß noch etwas zu meiner Arbeit sagen.
Kunst ist ein Mittel der Selbsterkenntnis, ein Spiegel der Seele, ein Plan
zum Selbst, zu Gott, zur Vollkommenheit. Der Künstler geht seinen Weg
wie der Pilger oder Mönch und hinterläßt dabei Bilder und
Zeichen, die denen, die sehen können, eine Hilfe sind auf ihrem eigenen
Weg.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. |