Ein
Heldenmythos
Bielefeld, 20.2.1986, Galerie Hergeröder
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Ausstellung trägt den Titel Ein Heldenmythos", und ich denke,
ich sollte einige Worte dazu sagen. Wahrscheinlich haben Sie mir den Titel
einfach als typischen Fall von Künstlermystifizierung nachgesehen. Bei
Kunstwerken gehören hohe und hehre Titel ja fast zum guten Ton; kaum
einer wird nachfragen, ob so ein Titel auch viel besagt.
Hier liegt der Fall aber anders. Sie haben ja sicher schon festgestellt,
daß ich meinen Werken generell keine Titel gebe. Ich neige auch sonst
nicht zur Mystifizierung. Es gibt, denke ich, genug
Mysterium in der Welt, so daß es sträflich wäre,
dem auch noch mutwillig Erfundenes hinzuzufügen. Ich sehe es vielmehr
als Aufgabe an, mit allen Kräften des Geistes an der Erhellung des einen
Mysteriums zu arbeiten, das mir als Malerei entgegentritt.
Na, das wird ja immer doller, werden Sie sagen, jetzt ist schon die Malerei
als solche ein Mysterium. Für die Mehrzahl meiner Kollegen trifft diese
Aussage natürlich nicht zu, und ich will sie keineswegs dafür schelten.
Aber wenn Sie sich umschauen in der Kunstgeschichte, werden Sie feststellen,
daß diese Bezeichnung in vielen Fällen nicht schlecht gewählt
ist.
Was ist denn nun die Malerei?
Zunächst einmal ein Kanon an Techniken, Formen und Farben, der
überliefert ist und weitervermittelt wird an speziell dafür
eingerichteten Institutionen, den Akademien. Mit der Traditionspflege ist
es aber nicht getan, denn die Kunst fängt da erst an, wo die Lehrinhalte
aufhören. Nun muß man sich natürlich bemühen, auch da
zu sprechen, wo es um Unsagbares geht. Sprache kann in diesem Sinn ein
Hilfsmittel sein, zum eigentlichen Kunsterleben hinzuführen, das ja
ein wesentlich durch die Augen vermitteltes ist.
Was aber ist die Kunst?
Das Wort kommt aus der Sprachwurzel Künden", und so möchte
ich behaupten: Kunst kündet von Wahrheiten menschlicher Existenz, die
sich nur in dieser Form offenbaren (sie lassen sich also auch nicht in Sprache
übersetzen). Das Offenbarwerden dieser Wahrheiten im Bild nenne ich
ein Mysterium, weil es sich um einen schöpferischen Vorgang handelt,
der sich der bewußten Kontrolle und Steuerung entzieht, sich also nicht
willkürlich beeinflussen läßt.
Um welche Wahrheiten handelt es sich nun in meinem Fall? Nach über 10
Jahren de Schaffens und Nachdenkens glaube ich ein wenig von der Sache verstanden
zu haben. Mit der Titelwahl wollte ich einen Hinweis darauf geben: Ein
Heldenmythos.
Auf vielen, wenn nicht allen Bildern erscheint eine Figur, die herausgestellt
und anders ist als die anderen: die nenne ich den Helden oder die Heldin.
Diese Figur hat nichts Strahlendes an sich, ist kein Identifikationsobjekt
für unerfüllte Träume, eher ein Mensch wie Jedermann,
ängstlich, zweifelnd, hoffend, mittendrin in einer unbestimmten Problematik,
sozusagen der Lebensproblematik an sich.
Umgeben ist der Held oft von weiteren Figuren, die weiser und mächtiger
zu sein scheinen, wenn sie auch vielleicht nicht von dieser Welt sind, sowie
von allerlei mythologischem Getier. Begleitfiguren und Getier tragen oft
vordergründig gräßliche Züge, wirken jedoch bei
näherem Hinsehen ganz wohlwollend. Der Held scheint sich des Beistands
nicht bewußt zu sein, wirkt ganz auf sich gestellt.
Bekanntermaßen haben Helden diverse Kämpfe mit finsteren Gestalten
und gräßlichen Ungeheuern auszufechten, die sie auch siegreich
bestehen, wohl schon weil sie den Gegnern unerschrocken ins Auge sehen. Die
Abenteuerfahrt des Helden ist eine Erkundungsfahrt seiner selbst, denn als
er auszieht, ist er tumb und unerfahren, ein unreifes Früchtchen. Das
Ziel der Reise ist der vollständige Mensch, der seine Schattenseiten
erkundet und integriert hat. Der Held aber steht für jeden von uns.
Jeder ist vollkommen einmalig, ein wundervoller Held in dieser Welt: Wir
haben es nur vergessen.
Thomas Mann läßt in seinem
großen Romanwerk Joseph und seine Brüder"
den biblischen Joseph sagen, jeder Mensch sei der Mittelpunkt der Welt,
natürlicherweise, seiner eigenen Welt nämlich, und Joseph faßt
sich selbst ganz bewußt als Held in einem unbekannten Stück auf,
entschlossen, seine Rolle dem Autor zu Ehren (welcher Gott
ist) in aller Demut so gut wie möglich zu spielen. Joseph tappt dabei
keineswegs im Dunkeln, denn der Mythos gibt das Muster vor, er in seiner
Person läßt ihn einmal mehr hier auf Erden lebendig werden, wie
so viele vor ihm und nach ihm.
Wie unser Fingerabdruck uns identifiziert, weil er einmalig ist, so sind
erst recht unsere Seele, unser Geist, unsere Person, unser Leben einmalig.
Und doch sind wir alle Menschen und erfahren uns und die Welt in Mustern:
Alles ist schon einmal dagewesen, nichts ist neu, meine ureigensten Erlebnisse
und Empfindungen sind klassifizierbar.
Der Mythos und das Märchen, Romane, Gedichte, Musik,
Tanz, Bilder, Theater und Skulpturen stellen solche Muster dar, machen erfahrbar,
was der Mensch ist und was er sein kann. Die Einlassung auf Kunst wirkt nach,
bewirkt eine Veränderung, eine Hinwendung zum Wunder des Einzelmenschen,
des Individuums in seiner Einmaligkeit und seiner einmaligen Lebensaufgabe.
Kunst erweitert die Erfahrung seiner selbst, transformiert zu höherer
Identität, zu dem, was der Einzelne ist und was er werden soll.
Erkenne dich selbst" heißt die Maxime,
und Werde, der du bist".
Der Heldenmythos, der sich im Mysterium der Malerei offenbart,
ist eine Botschaft an unsere Zeit. Kunst und Leben sind untrennbar verbunden.
Die Kunst sagt etwas über das Leben aus, und das Leben bestimmt die
Kunst. Das Leben aber ist der Weg des Helden, wie immer er heißen
möge. |