| Meine Damen und Herren, ich muß Sie zunächst
mal enttäuschen, ich hab nämlich meine Dias vergessen. Ich habe
sie extra herausgelegt, damit ich sie nicht vergesse, und das hat dann dazu
geführt, daß ich sie dann doch nicht dabei hatte. Ich hoffe, ich
kann Sie trotzdem entschädigen.
Ich wollte nämlich Dias zeigen, aus dem Entstehungsprozeß dieses
Bildes, und ich möchte Ihnen das jetzt mit Worten einigermaßen
nahebringen, was ich Ihnen damit vermitteln wollte. Als ich dieses Bild gemalt
habe, und einige andere auch, um die Zeit 1976, da wollte ich nämlich
mir selbst auf die Schliche kommen. Ich wollte gern wissen, was passiert
eigentlich, wenn ein Bild entsteht, und habe immer wieder, wenn etwas
Entscheidendes passiert ist, ein Foto gemacht.
An diesem Bild habe ich sehr lange gearbeitet, ungefähr 7 Monate, auf
der Rückseite sind die Einzeldaten vermerkt, und habe dabei ungefähr
120 Dias gemacht. Diese Arbeitsweise habe ich später dann sehr schnell
sein gelassen, weil ich gemerkt habe, daß mich das bei der Arbeit sehr
behindert hat, diese Selbstbeobachtung. Ich wollte Ihnen auch zu den Dias
sagen, daß das keineswegs grundsätzlich immer so abläuft,
sondern daß ich nur zufällig zu diesem Bild eben Dias habe; ich
habe daran gelernt, an der Arbeit an diesem und ähnlichen Bildern, daß
es für mich sehr schädlich ist, mich derart selbst zu beobachten,
und
rechtzeitig
zu merken, wenn ich anfange darüber nachzudenken, was eigentlich um
Bild passiert, und lieber einen Spaziergang zu machen, statt mich auf diese
Art und Weise selbst zu behindern, denn das habe ich damals getan.
Es ist also nicht so, daß i.a. bei den Bildern das dermaßen
kunterbunt durcheinandergeht und schwierig ist, wie ich Ihnen das an diesem
Bild jetzt vorstelle, sondern nur deshalb, weil ich damals so blockiert war,
war es auch derartig schwierig. Zunächst einmal, müssen Sie sich
vorstellen, fängt es ja mit der leeren Leinwand an, ganz weiß.
Das wäre auch das erste Dia gewesen, damit man das
wirklich vor Augen hat, es ist einfach eine weiße Fläche, nichts
mehr. Und da fängt das Problem eigentlich an, das die heutigen
Künstler in sehr viel stärkerem Maße haben als etwa in der
Renaissance, denn die Künstler haben ja heute kein eigentliches Thema
mehr, sie haben keine Auftraggeber, Leonardo z.B. hatte nie
so
ein Problem, ihm war immer klar, was von ihm verlangt wurde. Sehr häufig
ist es sicherlich so daß die Künstler sich ein eigenes Thema suchen
und das dann also durcharbeiten, uns sind allen Fälle bekannt. Ich habe
früher auch so gearbeitet und war sehr unzufrieden dabei. Ich habe
später dann erfahren, daß es sicherlich daran liegt, daß
ich nichts Neues erfahren konnte auf diese Art und Weise, sondern immer nur
das, was ich selber vorher auch schon wußte, dann nachher auch anschaubar
vor Augen hatte.
Ich arbeite seit über 10 Jahren anders, ich fange mit tatsächlich
nichts an. Die leere weiße Leinwand, nehme einen Pinsel, tunke ein
und fange an zu zeichnen. In diesem Falle war es so, daß also nach
vielleicht 5 Minuten eine Zeichnung auf dem Bild war, dieser Kopf war schon
da, die Figur war aber anders, es saß da eine Frau, nackte Frau mit
gespreizten Beinen, die Brüste ganz unterm Kinn, auf einer männlichen
Sphinx, die über das ganze Bild ausgebreitet war und nach links rausschaute.
Das war nun ein ganz anderer Anfang als das, was Sie jetzt sehen, ganz
offensichtlich, und im nächsten Dia konnte man dann sehen, daß
ich also schon daran korrigiert hatte, z.B. das Gesicht der Sphinx gefiel
mir nicht, dann habe ich die Nase verändert, und dies und das und wurde
immer schwärzer und schmuddeliger und im Laufe der Arbeit stellt sich
dann heraus, das stimmt überhaupt irgendwie nicht, das kann ich auch
mit allen Tricks nicht mehr hinkriegen, das kann mich nicht überzeugen,
das muß weg.
Und dann entstehen also neue Figuren, ich will das im Einzelnen jetzt nicht
ausführen, sondern Ihnen nur an einer bestimmten Stelle nochmal etwas
deutlicher machen, worum es eigentlich ging.
Wenn man insbesondere diese auffälligen Tiere hier in der Mitte sieht,
dann mag man zu dem Schluß kommen, also das ist doch nun sicherlich
ausgedacht, der Fisch schwimmt im Wasser, die Schlange kriecht auf dem Land,
der Vogel fliegt in der Luft, das Ganze ist kreisförmig angeordnet,
das sieht nach Konstruktion aus. Aber tatsächlich hab ich mir das nicht
ausgedacht, wie gesagt, das hätte mich wahrscheinlich auch nicht befriedigt,
sondern gelangweilt, sondern die Sache war an der Stelle sehr, sehr schwierig.
Es ist klar gewesen, daß da irgendwas hingehörte, da war also
nichts weiter, ich hab alles mögliche probiert. Ich war also völlig
ratlos und habe damals also wie gesagt also versucht, auch durch Denken an
die Sache ranzukommen, irgendwas mußte die Dame ja nun machen, die
stand da irgendwie, die Hände überzeugten mich nicht, wie macht
man das, wie legt man eine Hand auf die Hüfte oder so, und sie kann
mit dem Finger zeigen oder sonst irgendwas machen oder die Hand ganz anders
tun, ich hab alles mögliche ausprobiert, das war einfach alles Käse,
man sieht das einfach, daß das nicht in Ordnung
ist.
Und eines Tages passierte etwas, was ich auch gar nicht begriffen habe
erstmal, ich war dermaßen erschöpft und angestrengt, daß
diese bewußte Kontrolle für einen Moment aussetzte, und in dem
Moment passierte es, da kam es; die Frau hatte ganz zu Anfang, als ich noch
locker war, meistens ist es zu Anfang einfacher, wenn ich ganz locker bin,
dann kommen die Dinge so raus, und nur, wenn ich mich verbeiße, dann
wird es schwierig, da hatte die Frau so eine Art Eichenblatt in der Hand,
und ich hatte also einiges probiert und fing dann wieder mit dem Eichenblatt
an und probierte dann eine Blume, und dann wurde, ohne daß ich also
wirklich was mitkriegte, ich war wie gesagt etwas beeinträchtigt in
meiner Aufmerksamkeit, da wurde dieser Stengel immer dicker, und plötzlich
war die Schlage da, so wie Sie sie jetzt sehen.
Ich wich also quasi zurück vor der Leinwand, weil die Schlange mich
so beeindruckte, wenn ich eine Schlage hätte malen sollen, wäre
sie sicher nicht so überzeugend gekommen, und da war ich natürlich
ganz froh. Ich wußte nicht, wie ich zu der Schlange kam, aber sie war
da.
Dann dachte ich, damit hab ich mein Problem gelöst, ich mache den Schwanz
länger, dann hält die mit der anderen Hand auch den Schwanz, habe
ich das Problem der anderen Hand auch gelöst, und dann wird auch hier
dieser Freiraum auch ausgefüllt, dann habe ich einen Kreis, was
natürlich ein vieldeutiges Symbol ist, die Schlange, die sich selbst
sozusagen in den Schwanz beißt, und damit sind alle meine Probleme
auf einen Schlag erledigt.
Aber das Ganze sah einfach nicht richtig aus, das sah
man
sofort, das war Käse. Dann hab ich gedacht, da muß eben noch ein
Schlenker rein, das Ganze irgendwie noch lebendiger gemacht werden, hab ich
alles probiert, es war nichts. Dann hab ich schließlich den ganzen
restlichen Schwanz wieder weggemacht und hatte dann sogar Angst, daß
diese kurze Schwanzspitze vielleicht nicht ganz so überzeugend kommen
könnte, wie die zu Anfang war.
Am nächsten oder übernächsten Tag, während ich also wieder
mich auf die andere Hand konzentrierte und nicht weiterkam, passierte wieder
was ganz ähnliches, ich
sackte ab, bums: saß der Vogel da. Da war ich wieder sehr froh, aber
das Problem mit der anderen Hand war immer noch nicht gelöst, und da
ha ich das einzige Mal dann etwas probiert, was ich selber sonst nie so anwende,
aber was ich von einem Freund kannte, der 20 Jahre älter war als ich,
und dessen Methode so aussieht, daß er einfach seine Hand laufen
läßt, und dadurch entstehen natürlich Linien, und dann guckt
er sich die an und sagt: bis dahin ist das heilig, der Rest ist Käse,
den macht er wieder weg, und arbeitet so lange, bis das ganze Bild aus lauter
heiligen Linien sozusagen besteht.
Das hab ich damals auch gemacht, für mich war erstaunlich, daß
also Linien ähnlicher Charakteristik und Qualität herauskamen wie
bei ihm, aber erstmal war das gar kein Weg. Es wurde immer dunkler und immer
schwärzer, und dann hab ich wieder alles weggemacht und hab nochmal
angefangen, und da plötzlich sah ich in diesen Linien, die da produziert
waren, einen sehr abstrakten Fisch, und an dieser Stelle hab ich dann auch
gemerkt, daß mein Film gar nicht eingezogen war, daß ich mit
der Kamera, mit der ich 5 Jahre gearbeitet hatte, den Film irgendwie so
ungeschickt eingelegt hatte, daß diese ganzen Fotos mit der Geschichte
mit der Schlange, wie ich Ihnen das eben erzählt habe, das was sehr
hochdramatisch war, daß das gar nicht dokumentiert ist.
Und ich glaube im Nachhinein, das war auch ganz gut so, ich habe den Tip
auch einigermaßen verstanden, jedenfalls von diesem etwas abstrakten
Fisch existiert noch ein Foto. Den habe ich dann weggemacht und dann, zack-zack
entstand dieser Fisch, so wie Sie ihn da sehen, und das ist ja auch kein
Fisch, den man einfach so erfinden würde, wenn einem die Aufgabe gestellt
würde: malen Sie mal einen Fisch! Sondern eine sehr eigene Erfindung.
Damit war das Bild noch nicht fertig, es ging dann noch weiter, was ich Ihnen
damit sagen wollte, ist, daß das Problem für einen Maler darin
besteht, das Bild kommen zu lassen.
Sie haben eben im Vortrag von Herrn
Flemming etwas über Rembrandt gehört,
ich habe mich unter anderem auch mit Rembrandt sehr beschäftigt oder
Leonardo, Sie wissen wahrscheinlich, daß er 4 Jahre an
seiner Mona Lisa gemalt hat und sie dann als unfertig erklärt
hat, man mag sich doch fragen: was macht der eigentlich die ganze Zeit da,
oder Rembrandt wurde vorgeworfen in seinem Spätwerk, daß er also
so wahnsinnig lange an seinen Bildern arbeite und die immer dicker würden
und das aussähe wie die Arbeit eines Maurers, der den Putz an die Wand
wirft, was macht eigentlich ein Maler bei der Arbeit?
Sie müssen sich vorstellen, daß mit jedem Strich, den der Maler
macht, sich das ganze Bild verändert. Es fängt an mit der weißen
Leinwand, und es ist die ganze Zeit nichts. Immerzu ist das nichts Halbes
und nichts Ganzes, nichts Ordentliches, und solange es noch nichts ist, arbeitet
der Maler weiter. Mit jedem Strich, den er macht, verändert sich das
Bild, es ist dauernd im Fluß, bis dann nachher durch die Arbeit der
Hand, nicht des Kopfes, durch die Arbeit der Hand etwas für den Maler
Überzeugendes herauskommt, etwas, was ihn selbst befriedigt, was ihn
ergreift, und dann ist das Bild fertig.
Und im Falle von Leonardo kann man wohl daraus schließen, daß
er selber noch nicht ganz befriedigt war mit dem, was er da vollbracht hatte.
Ich habe im Unterricht manchmal Gelegenheit gehabt, Schülern dieses
Erlebnis zu vermitteln, etwa wenn sie sich vor den Spiegel setzten und ein
Selbstporträt machten, was sie dann feststellten, wenn sie etwa den
Mund malten, zeichneten, daß sie, wenn sie irgendeine Linie um einen
Millimeter oder nur den Bruchteil eines Millimeters verschoben, daß
dann der ganze Ausdruck total verändert wurde. Und das ist das, womit
ein Maler täglich zu arbeiten hat, er setzt Farben, Linien und ständig
verändert sich alles, manchmal sehr dramatisch, manchmal nur
geringfügig.
Wenn das Bild dann fertig ist, dann fängt es an, ein Eigenleben zu
führen, dann kann ich als Produzent auch einen Bezug zu dem Bild finden
und Stellung dazu nehmen, kann mir überlegen, was das eigentlich ist
auf dem Bild, ich schaue genau hin, lasse es auf mich wirken, und dann fallen
mir vielleicht auch manche Dinge auf, ich bin immer sehr vorsichtig dabei,
Interpretationen zu geben, i.a. laß ich die Bilder einfach auf mich
wirken, denn Bilder sind etwas, das über das Auge wirkt und nicht über
die Sprache.
Ich versuche also nicht, das in Sprache zu übersetzen, sondern ich versuche
möglichst genau zu sehen, was ist auf dem Bild drauf, es fängt
an mit einfachen Gegebenheiten, so und so viele Figuren, und es geht dann
sehr schnell zu Dingen, die gar nicht verbal faßbar sind, etwa der
emotionale Ausdruck, oder die Art der Beziehung, die zwischen den Personen
bestehen usw.
Herr Dr. Benz und auch Herr Flemming haben hervorgehoben, daß die Bilder
etwas über Beziehungen aussagen eines Menschen zu sich selbst und zu
anderen, und in der Weise sind die Bilder für mich auch ein Instrument,
um etwas über mich zu erfahren und über meine Beziehung in der
Welt, zu anderen, ich fühle mich nicht nur verbunden der Gegenwart,
sondern auch der Vergangenheit, und möglicherweise ist auch sehr vieles
aus unserer gesamten Entwicklungsgeschichte in diesen Bildern drin.
Ich möchte Ihnen wünschen, daß Sie selber beim Betrachten
der Bilder für sich auch Gewinn davontragen, Vergnügen und Genuß.
Ich danke Ihnen. |