Memoirs: Breakthrough

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Dr. Erich Engelbrecht

Ich war sehr isoliert gewesen, ich verstand überhaupt nicht, was mit mir los war, also versuchte ich Anfang 1974 per Kontaktanzeige jemanden kennenzulernen, aber vergeblich (Picasso-Kenner gesucht zwecks Gedankenaustausch). Schließlich sprach ich Dr. Gmelin an, seinerzeit Assistent von Moltke an der Kunsthalle Bielefeld. Der wollte was sehen, sprach dann: „Sie stehen ja ganz am Anfang!" und empfahl mir, Engelbrecht anzuschreiben. Der hatte 68 oder 69 in der Kunsthalle ausgestellt.

Er befragte das I Ging nach mir und schrieb zurück: „Ihrem Besuch steht nichts entgegen." Ich wunderte mich und fuhr hin. Engelbrecht hatte Ingenieurwesen studiert, promoviert und sich selbständig gemacht, dann ein Studium der Kunstgeschichte nebenher angefangen und war schließlich Künstler geworden. Als erstes fragte er mich: „Wie kommen Sie darauf, daß sich irgend jemand für Ihre Sachen interessiert?" Nr. 20, Gemälde, n. Picasso Dann: „Wissen Sie nicht, daß Maler sich nie für Sachen anderer Maler interessieren?" Und: „Wie machen Sie das?" Das fand er wohl gut, wie ich das machte.

Eines Tages rief er an und wollte mit seiner Frau vorbeikommen, um sich die Bilder anzusehen. Ich erinnerte ihn an seinen Spruch. Nein, nein, das habe er ja versprochen. Er sah auch meine Kopie von Picasso und wollte sie kaufen (das Original ist größer, hängt in Wuppertal, von-der-Heydt-Museum). Ich war ein bißchen beleidigt und habe abgelehnt.

An Bild 187 äußerte er Kritik. Da sei etwas schwach auf der linken Seite. Ich habe das Bild dann umgearbeitet. Das war nicht gut. Ich habe zwar vom ursprünglichen Zustand keine Abbildung mehr, aber ich denke, ich hätte es lassen sollen.

Nr. 187, GemäldeIch habe nur ein Bild (Nr. 222) auf eigenen Antrieb umgearbeitet. Es war vorher auch gut, hinterher ein völlig anderes Bild. Noch jemand riet mir, ein Bild umzuarbeiten, es war sehr schön, auch da habe ich kein Foto vom ursprünglichen Zustand, sonst könnte ich versuchen, es wieder hinzukriegen. Das Bild ist verloren, völlig zerstört. Da endlich habe ich begriffen, daß ich das nicht machen darf.

Wenn ich bei Engelbrecht gewesen war, fühlte ich mich ganz erschlagen, begeistert und erfüllt, eine wilde Mischung, nüchtern besoffen sozusagen, ich mußte sofort am nächsten Tag wieder zu ihm hin. Aber dann brauchte ich drei Wochen, um das zu verdauen.

Gmelin hat mich übrigens gefragt, was mich an Picasso so begeistert (ich hatte mich mit seinem Spätwerk beschäftigt), ob es das „Nicht-Fertiggemalte" sei. Ich war verwirrt. Das verstand ich nicht. Wie konnte der Meister etwas nicht fertigmalen? Konnte man überhaupt ihm gegenüber einen Standpunkt gewinnen? Konnte man den kritisieren? Gmelin schien sich ganz sicher zu sein. Er schien das auch nicht unbedingt gut zu finden, was der Alte da gemacht hatte.

Bei Engelbrecht passierte das gleiche. Ich schleppte ständig Literatur an. Eines Tages hatte ich einen Bildband über Picassos Spätwerk gekauft (Gallwitz, Picasso Laureatus). Der ging eigentlich über meine Verhältnisse, aber der Buchhändler hatte erkannt, daß ich das eigentlich wollte und behauptete, das Buch wäre bald vergriffen und würde nicht wieder aufgelegt.

Engelbrecht blätterte lässig durch und machte sich über „den alten Affen" lustig, empörte sich sogar über einzelne Schwachheiten. Dann wieder lobte er an wenigen Bildern die exquisite Malerei, die ja auch noch zu finden war. Ich wunderte mich sehr. Gallwitz brachte nur Lobhudeleien zustande, wie überhaupt die gesamte Literatur seltsam unkritisch war. Äußerte man Kritik nur mündlich und insgeheim?

Aber wie konnte man ein Genie kritisieren? Ich habe es gar nicht gemerkt und weiß auch nicht, wann und wie es passiert ist, aber inzwischen erkenne ich auch, wo das Genie trifft und wo es fehlt. Es wird mit der Qualität zusammenhängen, die einfach da ist, die durch Erfahrung besser erkennbar wird. Und Erfahrungen habe ich reichlich gemacht. Kunst war mein Leben.

Nr. 113, GemäldeEines Tages stellte ich ein kleines Bild (Nr. 113) bei Engelbrecht auf den Kamin. Er schaute es sich still für eine Weile an, dann äußerte er: „So sollten Sie weitermachen!" Aber ich war ganz wütend geworden, als das Bild fertig war, ich hatte sofort gemerkt, was hier los war. Für mich sah es aus wie Gerümpel auf dem Meeresgrund. Ich zeigte es Erika, die fand es schön. Dann habe ich ihr erklärt, daß das nicht meins ist, sondern Engelbrechts. Das sagte ich ihm auch. Er sah es sofort ein.

Neun Monate später war ich am Ende. Ich malte zwar, aber es war nicht richtig. Ich fühlte mich elend. Ich schilderte mein Problem bei Engelbrecht, wir saßen mit seiner Frau in seinem Büro, alle ziemlich ratlos, da schlug er sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn: „Das bin ja wieder ich!" Ich hatte die Flächen einheitlich angestrichen. Das waren zwar meine Figuren, aber seine Malweise.

I Ging

In einer Gesprächspause blätterte ich in einem kleinen gelben Buch, das bei Engelbrecht auf dem Fernseher lag. Da waren auch chinesische Schriftzeichen drin. „Ist das was über Taoismus?" „Nein, nehmen Sie das mal mit, da hab ich noch mehr von." So habe ich das I Ging kennengelernt. Mir drehte sich der Magen um. Ich war ein rationaler Mensch! Naturwissenschaftler! Und schmiß ein Orakel! Nein!

Meine Mutter war immer sehr abergläubisch gewesen, ich hatte darüber gelächelt. Wenn sie von Kuchen träumte, passierte etwas Schreckliches. Quatsch. Absoluter Blödsinn. Astrologie usw. Mumpitz. Und jetzt saß ich da und warf Münzen in die Luft!

Aber immerhin war Engelbrecht doch ein vernünftiger Mensch. Beim nächsten Mal erzählte ich, was ich getan hatte und wie ich mich fühlte. „Welche Frage haben Sie gestellt?" Wie? Gar keine. „Man muß Fragen stellen." Und dann klärte er mich auf. Ich ging wieder heim und stellte meine Frage: Was soll ich tun? Ich meinte natürlich beruflich, Mathematik oder Kunst, Beamter oder Hungerleider. Die Antwort war Nr. 1, Das Schöpferische, die Betonungen weiß ich nicht mehr genau, ich meine 1 und 6. Engelbrecht jedenfalls meinte: „Bestens! Loslegen!"

Selbstbeobachtung

Engelbrecht lebt in einem großen Bauernhaus in der Nähe von Melle. Er sprach mit seiner Mutter, die in Bielefeld in der Nähe des Botanischen Gartens lebte, und dann habe ich sein erstes Atelier benutzen dürfen, das dort unterm Dach eingerichtet war, mit großem Fenster in der Schräge.

Engelbrecht versuchte zu verstehen, was er machte und wie die Welt lief, und er tat das mit C.G. Jung, über den er auch das I Ging kennengelernt hatte. Angeblich benutzte auch Henry Kissinger das I Ging. Hermann Hesse hat es auch über die Jung-Schule kennengelernt und im Glasperlenspiel im Zusammenhang mit dem Jüngeren Bruder beschrieben. In seinen Alterszeilen bemerkt er einmal, daß er es im Laufe seines Lebens immer wieder benutzt hat. Über das Glasperlenspiel kam es dann in die Hippiebewegung, so daß der Diederichs-Verlag dann einmal mit einem Zitat von Bob Dylan werben konnte.

Nr. 224, Gemälde So blieb es nicht aus, daß ich auch Anstrengungen unternahm, zu verstehen, was ich da tat. Und so kam ich auf die Idee (typisch naturwissenschaftlich), den schöpferischen Prozeß zu protokollieren. Später habe ich die Filme gesehen, die Picasso bei der Arbeit zeigen. Er malt sich einen furchtbaren Mist zusammen. Ich erfuhr, daß schon die alten Griechen wußten: Entweder dichten oder reflektieren - aber nicht beides zugleich.

Bild 224 war das erste, ich hatte schon angefangen, da baute ich die Kamera auf. Man kann es auf der Rückseite noch gut sehen: Ein Viertel der Leinwand ist völlig durchgesoßt, da habe ich immer wieder geputzt, à la Matisse. Das war, als ich anfing, mich zu beobachten. An dem nächsten Bild habe ich lange, lange gesessen. Derselbe Mist. Ich merkte nichts. Dann 226 (s. Rede Hürth). Fast vier Monate habe ich an dem Bild laboriert, etwa 120 Dias geschossen, dabei auch noch den Film falsch eingelegt! Erst als ich den Großen Traum hatte: „Leg doch das Mikrofon weg!" fiel der Groschen und ich hörte auf mit dem Unfug (s. unten, Träume). Aber auch Engelbrecht war nichts aufgefallen.

F.W. Fischer

Etwa zu der Zeit kamen die bahnbrechenden Bücher von Friedhelm Wilhelm Fischer über Beckmann auf den Markt. Ich weiß nicht, wann ich auf Max Beckmann aufmerksam geworden bin, das wird schon sehr früh gewesen sein, an dem kommt ja auch keiner vorbei. Der war nun schon 20 Jahre tot und selbst einer der großen Kenner, Günther Busch vom Bremer Museum, behauptete, Beckmanns Bilder seien Orakel und müßten es auch bleiben.

Fischer war junger Kunsthistoriker und suchte ein Brett, das er bohren konnte. Natürlich muß er auch eine Antenne für das gehabt haben, was er fand. Jedenfalls wollte er das nicht auf der Kunstgeschichte sitzen lassen, daß sie nichts Vernünftiges über Beckmann sagen konnte. Und mit dem Resultat habilitierte er sich, war sofort berühmt, bekam einen Lehrstuhl. Er ist dann früh gestorben.

Ich war fasziniert, hatte aber zwei Einwände. Da schrieb ich Fischer einen Brief. So frech und respektlos war ich. Ich hatte den Eindruck, Fischer sei der Meinung, Beckmann sei auf spekulativem Wege zu seinen Bildern gekommen. Dabei hatte er doch selbst geschrieben und Fischer das Tagebuch-Zitat auch gebracht: „Wenn ich male, denke ich nicht." Den anderen Einwand erinnere ich nicht mehr. In Wahrheit suchte ich natürlich jemanden, der sich mit meinen Sachen beschäftigte und mir etwas über mich erklärte. Leider ging Fischer nicht darauf ein. Er ließ mich durch seine Sekretärin abwimmeln.

Hannelore K.

Es war 1977. Ich war damals Teilzeitlehrer am Gymnasium in Sennestadt und Teilzeitmaler. Erika hatte mich verlassen und es ging mir schlecht. Seit 1973 wußte ich, ich sollte hier auf dieser Erde vor allem eins tun, meine Bilder malen, alles andere können Andere ebenso gut oder besser. Ich hatte eine regelmäßige Produktion, aber ich zeigte nichts. Einige Versuche hatten mir nicht gut getan, also ließ ich es.

Nr. 148, GemäldeIch malte in der Küche oder bei gutem Wetter im Garten vor dem Schuppen. Als ich einmal Besuch von einer Mutter hatte, deren hochbegabter Geiger-Sohn Schwierigkeiten machte, war Nr. 240 (s. Artikel für Frank) gerade fertig und hing noch auf der Staffelei. Sie ganz erschrocken: „Was haben Sie denn für Erfahrungen mit Frauen gemacht?" Ich konnte nichts darauf erwidern. Ich verstand die Frage nicht.

Hannelore K. war ebenfalls Mutter einer Schülerin und kam deswegen zu mir. Da sah sie natürlich Bilder. Sie wollte ein Bild von mir kaufen, ein ganz bestimmtes (Nr. 148). Ich hatte gar keine Preise. Ich hatte keine Ahnung, was man verlangen könnte, was angemessen wäre. Ich wollte eigentlich gar nicht verkaufen. Aber sie ließ nicht locker und so haben wir uns geeinigt.

Engelbrecht fand dieses Bild deshalb interessant, weil man den Kopf als Vexierbild lesen kann. Es ist links noch ein Vogel mit weit aufgerissenem Schnabel zu sehen. Er selbst malt sozusagen hochpotenzierte Vexierbilder. Gmelin hatte uns zusammengebracht, weil wir beide aus der wissenschaftlichen Ecke kommen, Autodidakten sind und von Picasso begeistert waren. Engelbrecht hatte ein Vexierbild von Picasso gesehen, das ich auf seinen Hinweis hin im Werkkatalog von Zervos in der Präsenzbibliothek der Kunsthalle gefunden habe: Soweit ich erinnere, ein unbekannter Frauenkopf aus den Dreißigern, der einen Vogelkopf enthält.

Bild 148 ist mit Lack auf Hartfaser gemalt; vermutlich hat es auch eine Rückseite. Ich habe erst später zu archivieren begonnen, da war der Kontakt zu Hannelore K. verloren gegangen. Ich wundere mich überhaupt, daß ich ein Foto von dem Bild habe. Als ich den elektronischen Katalog anlegte, fiel ich aus allen Wolken: Ich hatte das Bild total vergessen. Es gefällt mir sehr gut.

Als Student konnte ich bald die Kosten nicht mehr tragen und bin von Leinen und Keilrahmen auf Hartfaser, von Ölfarben auf Lackfarben gewechselt. Die Hartfaserplatten habe ich dann beidseitig bemalt, um weiter die Kosten zu halbieren. Ich stellte mir vor, daß man die beiden Seiten später einmal, wenn es sich lohnt, trennen kann.

Nr. 228, Gemälde Dann sind die Formate größer geworden, was Gewichtsprobleme mit sich brachte. Eine Seite der Platte ist glatt und meist geölt, die andere rauh und geprägt, vermutlich herstellungsbedingt. Leider habe ich oft die glatte Seite nicht gut genug vorbereitet. Die Winter Ende der achtziger Jahre waren kalt, mein Atelier ungeheizt - die Grundierung auf der glatten Seite löste sich auf einigen Bildern. So sind viele Bilder inzwischen als verloren anzusehen.

Hannelore K. hat später noch ein Bild gekauft (Nr. 228). Da malte ich längst wieder mit Ölfarben auf Leinwand. Engelbrecht hatte mich dringend ermahnt: „Sie müssen was für die Ewigkeit tun! Die Lackfarben sind doch alle nicht lichtecht genug! Es muß alles vom Feinsten sein!" Und da er selbst ein Tüftler ist, brachte er mich dazu, die Pigmente roh zu kaufen, das Bindemittel, und die Farben selbst zuzubereiten. Fast wie zu Rembrandts Zeiten. Im letzten Jahrhundert gab es viele handwerkliche und technische Probleme durch die fabrikmäßige Herstellung von Farben, die meisten Bilder von Marées z.B. sind dadurch völlig verdorben. Das hatte Anfang bis Mitte dieses Jahrhunderts zu einer Wiederbelebung der alten Techniken geführt, was sich z.B. in der Malerei von Dix oder Schad direkt zeigt. Die einschlägige Technikbibel habe ich damals oft studiert.

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