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Eheleute K.

Das Motiv für das Plakat von Bonn habe ich aus einer Zeichnung, die ich auch für eine Ausstellung in einem Bielefelder Möbelhaus verwendet habe. In dieser Ausstellung wurde nichts verkauft, aber ein paar Wochen später klingelte es an unserer Wohnungstür. Die Eheleute K. hatten sich durchgefragt. Zur Ausstellung waren sie in Urlaub gewesen. Wir fuhren den kurzen Weg zu meinem Atelier in einer ehemaligen Kaffeerösterei. Es war nicht zu überhören, daß der Auspuff an ihrem alten Audi kaputt war. Da wunderte ich mich: Wollten die etwa ein Bild kaufen? Die brauchten doch vielleicht eher ein besseres Auto?

Nr. 267, Gemälde, PrivatbesitzAber das war ja nicht mein Bier. Es stellte sich heraus, daß beide beim Zoll waren, ein neues Reihenhaus und eine Tochter hatten, die schon in die Schule ging, und nun Wandschmuck über dem Sofa suchten. Vielleicht ein mittelgroßes oder mehrere kleine Bilder. Auf meinen Vorschlag suchten wir Einiges aus, ich fuhr hin und wir probierten. Ein kleines Bild sah auch gut aus. Dann zwei, dann drei, so wie die finanziellen Verhältnisse es erlauben würden. Konnte man machen, aber offenbar befriedigte es nicht ganz. Schließlich wollten sie sehen, wie ein großes Bild aussieht.

Oh ja, das wollten sie haben. Und da erklärten sie sich: Sie machten immer Nägel mit Köpfen. Mit Halbheiten wollten sie sich nicht belasten, dann lieber gar nicht und noch warten. Sie hatten klare Vorstellungen, wie das Haus einmal aussehen sollte und gingen daran, nach und nach alles zu realisieren. Das Sofa war da, genau das Modell, das sie haben wollten, auch nicht billig, und nun wollten Sie beim Bild auch keinen Kompromiß eingehen. Sie haben es gekauft. Aber wie? Nun, wie ich schon bemerkt hatte, das Auto war überfällig. Der Auspuff war nicht repariert worden, weil ein neues angeschafft werden sollte und das alte sowieso auf den Schrott kam. Sie haben sich kein neues Auto gekauft, sondern einen Jahreswagen. Und dabei sprang das Bild heraus.

Edith S.

Da bin ich schon wieder bei der nächsten Geschichte, die mit Geld zu tun hat. Ich habe Edith als Freundin meiner Frau kennengelernt. Ihr Mann war Lokalredakteur, sie hatten zwei Kinder, das dritte war unterwegs, die Verhältnisse waren eng. Meine Frau sollte dann Patin werden, war aber aus der Kirche ausgetreten. Zu der Zeit war ich schon mit von der Partie, ich war noch drin, und so bin ich Pate von Benjamin geworden. Wie der Name schon sagt, sollte es wohl das letzte Kind sein. Es kam aber dann noch Milena, die ist so alt wie Leevke, meine zweite Tochter, geboren 1984.

Edith hatte immer die Vorstellung, schöne Bilder an der Wand zu haben, und schon vor meiner Zeit hatte sie Elke gefragt, ob sie mal mit ihr in eine Galerie gehen wolle, denn der traute sie das zu, die hatte ja u.a. Kunstpädagogik studiert. Und dann sah sie meine Bilder und fand die schrecklich. Wenn sie bei uns war, guckte sie immer weg. Kann man ja gut machen. So ging das eine Weile. Dann merkte sie über die Jahre, daß sich etwas veränderte. Sie fing an, sich zu freuen, wenn sie zu uns fuhr, weil sie Bilder sehen konnte. Sie hatte also doch immer wieder etwas aus dem Augenwinkel gesehen und das hatte gewirkt.

So ging das wieder eine Weile. Dann fragte sie mal an, ob ich ihr wohl was ausleihen würde. Mittlerweile hatten sie sich ein altes Haus gekauft und nett eingerichtet, Ikea-Walldorf-mäßig, mit Kachelofen und Holzfußboden. Klar würde ich das tun. Sie sollte sich mal was überlegen. Sie hatte sich schon was überlegt. Na dann. Ein größeres (Nr. 226) und mehrere kleine. Also hin und Platz aussuchen und aufhängen. Ja, also da gab es ein Problem. Ich hatte alle meine Bilder schwarz gerahmt, und in dieser Umgebung ... also das ging nicht. Da habe ich erst einmal den dicken Zierrahmen abgenommen, so daß nur die schmale Leiste übrigblieb.

Nr. 226, Gemälde, Privatbesitz

Ja und nach ein paar Tagen, vielleicht waren es auch Wochen, aber nur wenige, rückte sie mit der Sprache heraus. Also das mit dem Leihen hätte sie nicht so gemeint. Sie hätte das große Bild nie leihen wollen. Sie könne das nicht wieder hergeben. Das sei ihr von Anfang an klar gewesen. Na ja, also was nun? Sie wolle es kaufen, aber wie? Da sind wir zu meiner Bank gegangen, sie hat einen Kredit bekommen und den monatlich abgezahlt. Ich habe dann auch die schwarze Leiste abgemacht und einen geölten Naturrahmen gefertigt. Wann immer ich das Bild sehe, bin ich irritiert über den Rahmen. Inzwischen wohnt Edith anders, es könnte jetzt auch ein schwarzer Rahmen sein, aber wenn ich eine Weile hinschaue, ist der Naturrahmen auch gut.

Ihr Mann verstand das nicht. Warum nahm sie sich nicht lieber eine Putzfrau? Sie hatte schließlich Arbeit genug und konnte Entlastung nötig gebrauchen! Dann träumte er von dem Bild. Die Figuren sprachen zu ihm. Er kannte sie beim Namen. Und als sie sich trennten, wollte er das Bild mitnehmen. Aber das ging ja nicht. Schließlich hatte sie es bezahlt. Edith hält mir manchmal Vorträge über das Sehen von Bildern im allgemeinen und von diesem im Besonderen. Dann bin ich immer ganz still und höre mit großen Ohren zu.

Nr. 303, Zeichnung, PrivatbesitzWenn ich sie richtig verstehe, haben alle Figuren sie begleitet und tun dies immer noch. Einige waren ihr näher als andere, mit denen sie sich schwerer tat, aber alle haben sie etwas mit ihr zu tun, alle hat sie in ihr Inneres integriert, alle bedeuten ihr etwas, alle leben in ihr. Und wenn wir uns unterhalten über das Bild, so ist das wie bei zwei Musikliebhabern, die sich über ein bewundertes und geliebtes Stück unterhalten: Es ist vage und präzis zugleich, für einen Außenstehenden vermutlich streckenweise unverständlich. Wir unterhalten uns über ein inneres Erleben, das dem anderen fehlt.

Inzwischen hat Edith einen ganze Menge von mir. Sie war meine erste Mitarbeiterin im EDV-Betrieb und konnte es Ende der Achtziger nicht mehr ertragen, wie ich mich selbst sabotiere. Zum Abschied habe ich ihr eine schöne Farbstiftzeichnung (Nr. 303) mit zwei Köpfen geschenkt, ungeheuer virtuoses Gestrichel. Als ich neulich etwas abfällig darüber sprach, protestierte sie sogleich heftig und ich mußte ihr kleinlaut Recht geben. Einmal habe ich ihr zu Weihnachten eine kleine Pastellzeichnung geschenkt, die bisher gar nicht erfaßt ist und daher auch keine Werknummer hat. Wir tranken Tee, die Zeichnung hing an einer Wand gut drei Meter entfernt. Da fiel mir auf, wie monumental und gewaltig diese kleine Zeichnung ist. Sie gehört in eine Reihe von Gemälden, die 100*50 cm groß sind. Damit kann sie es leicht aufnehmen. Drei Meter Distanz sind ein Kinderspiel für dieses kleine Ding, höchstens 12*7 cm groß. Als ich mit der EDV am Ende war, sagte Edith: „Was für ein Glück! Du wärst da sonst nie rausgekommen!"

Elke J.

Da fällt mir ein, fast hätte ich Frau J. vergessen! Wir haben uns in Kiel kennengelernt, 1983 in der Ostseehalle. Da habe ich ausgestellt und auch einen Preis bekommen. Meine Sachen gefielen ihr gut. Über die Preisverleihung hat sie sich gefreut und ist nochmal mit ihrer Tochter Gesche gekommen. Frau J. ist Bäuerin, inzwischen pensioniert. Nebenbei vermietete sie Zimmer in dem alten gutswirtschaftlichen Gebäude an der Ostsee, das sie wohl gepachtet hatten. Einmal vor vielen Jahren hatte ein Künstler bei ihr geklingelt und sie hatte ihm etwas abgekauft. Das liebte sie sehr. Leider war er nie wiedergekommen.

Nr. 387, Zeichnung, PrivatbesitzIn diesem Sommer war herrlichstes Wetter. Keiner ging in die Ostseehalle. Ich saß da und paßte auf meine Sachen auf (aber nicht genug, da ging die Videoaufzeichnung verloren), und da ich nicht gut malen konnte, habe ich gezeichnet. Frau J. hat eine kleine Zeichnung (Nr. 387) gekauft. Und uns eingeladen, wenn wir einmal Urlaub machen wollten ... Viele Male sind wir seither bei Frau J. eingekehrt. Jedesmal hat es mit ihr Auseinandersetzungen gegeben, weil sie uns partout die Zimmer umsonst geben wollte.

Aber das ging natürlich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie es jeweils ausgegangen ist, aber inzwischen hat Frau J. ein paar Stürenburgs, die ich bei ihr für sie gemacht habe. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Als Unternehmer habe ich mit dem Urlaub gegeizt. Wenn meine Frau mit den Kindern allein da war, gingen immer die herzlichsten Grüße hin und her. Inzwischen ist Gesche nach vielen Jahren aus Hongkong zurück, aus der großen Modewelt, und betreibt nebenbei die Zimmervermietung weiter.

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