Memoirs: Inner Life Lektüre Die Achtziger Jahre waren, wie man aus den Reden entnehmen kann, sehr vom Aufbruch bestimmt. New Age war für mich ein wichtiges Schlagwort. Ich versuchte zu verstehen, wie ich in die Welt reinpasse, wie das, was ich da mache, mit anderem zusammenhängt. In Basel habe ich eine südafrikanische Künstlerin getroffen, deren Galerie die Kosten nicht gescheut hatte. Wir sprachen über die Möglichkeit, eine Gruppe zu gründen. Sie bot an, zu Sitzungen nach Europa zu fliegen! Geld schien für sie keine Rolle zu spielen. In Kiel hatte ich Eva-Maria Herbold kennengelernt und fand gut, was sie machte. Ich habe Arbeiten von ihr in meinem Atelier gezeigt, aber es interessierte sich keiner dafür. Ich las viel herum und wurde fündig. Christa Mulack promovierte in Evangelischer Theologie über Die Weiblichkeit Gottes", Heide Göttner-Abendroth brachte Die Göttin und ihr Heros" heraus, das schien mit meinen Sachen zu tun zu haben. J.E. Behrendt kam mit Nada Brahma. Ich las Richard Festers Beiträge über Sprachforschung und fand dort seine Beobachtungen über die drei Bethen. Dies waren Göttinnen, die als Dreizahl auftauchten. Nun gibt es das häufig, meist als Jungfrau, Mutter, Alte, und ich lernte, daß die auch mit den drei sichtbaren Phasen des Mondes und den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst assoziiert werden. Diese hier stammten, soweit ich erinnere, aus dem Alemannischen, und hießen Sambeth, Warbeth und Wilbeth, daher 3 Bethen. Sie waren den Wochentagen Samstag, Sonntag, Montag zugeordnet. Aha! Daher der Samstag! Ich dachte natürlich an Bild 238. Da scheint auch noch ein Mann mit im Bild zu sein, liegend, tot. Das Jahr 1983 war wunderbar. Dr. Eimert förderte mich nach Kräften, ich war selbstbewußt, ich glaubte an mich. Die Produktion war gewaltig. 1984 habe ich viel ausgestellt, das muß mich viel Kraft gekostet haben, unser zweites Kind wurde geboren, meine Frau legte ein Jahr Pause ein, was für Mutter und Kinder wunderbar war, aber der finanzielle Druck nahm zu. Die plastischen Arbeiten sind entstanden, weil ich meinte, mich um ein Stipendium bemühen zu müssen, und da wußte ich nur von einem für bildhauerische Arbeiten. Also machte ich mich ans Bildhauern. Das war ganz schön, die Sachen gefallen mir sehr gut, aber das Stipendium bekam ich nicht, und die Plastiken hätten gegossen werden müssen, was viel Geld kosten würde. Ich hatte mir für die handwerklichen Arbeiten Hilfskräfte geleistet, das ging dann bald nicht mehr. Da suchte ich jemanden, der mir umsonst half. Und ich fand jemanden. Ich erinnere nur noch, daß man sie Pippi rief. Sie hatte in Löhne Abitur gemacht, ihr Vater war Ingenieur und hatte 5 Kinder. Pippi fing an, in Bielefeld Theologie zu studieren, gab aber nach zwei Monaten auf. Was nun? Vielleicht etwas mit Kunst? Da fing sie bei mir an. Sie lernte etwas und arbeitete etwas. Ich kaufte das Leinen 210 cm breit in 60 Meter Rollen direkt ab Fabrik. Die üblichen Leisten für die Keilrahmen brauchten bei größeren Formaten Querverstrebungen und hatten ein ungünstiges Profil, was Druckränder erzeugte. Deshalb hatte ich mir Rahmenprofile in einer Leistenfabrik fertigen lassen (das ist ja hier eine Möbelgegend). Ich hatte eine Gehrungsstanze günstig erwerben können, eine schöne Maschine. Pippi machte also eine Menge fertige Leinwände nach französischem Muster. (Die Franzosen haben ein Rahmensystem, was mir gut gefällt. Allerdings rechne ich nicht nach Punkten wie die.) Dabei fielen natürlich Leinen-Reststücke an. Und dann habe ich mit Pippi besprochen, daß sie eben für die Reststücke auch Rahmen machen soll, die natürlich nicht in das französische System passen. Und als das dann so rumstand, ließ ich einfach so eine Bemerkung fallen: Das sieht ja wie ein Flügel von einem Triptychon aus." Und Pippi dann: Was ist das denn?" Da habe ich mich doch gewundert, denn sie hatte ja Abitur und immerhin ein paar Monate Theologie studiert und wußte nicht, was ein Triptychon ist. Der Pädagoge kam zum Zug, ich habe ihr erklärt, daß das aus der mittelalterlichen Kirche kommt, wo die Altäre immer komplizierter wurden, natürlich alles zur Ehre Gottes, und Schnitz- oder Tafel-Bildwerke waren, die das heilige Geschehen den Gläubigen recht eindringlich vor Augen führen sollten, und wo man sich dann hatte einfallen lassen, daß man durch Auf- und Zuklappen mehrere Schauseiten unterbringen konnte, so daß man zu Weihnachten und zu Ostern oder Pfingsten oder zum Heiligentag je die passende Seite zeigen konnte. Und daß in diesem Jahrhundert viele Maler Triptychen gemalt haben, aber keins ist klappbar und keins ist religiös, also weder formal noch inhaltlich hat das etwas mit den ursprünglichen Triptychen zu tun, es ist eine reine Formübung, und daß mir das eigentlich zu wenig ist. Ich schätze ja z.B. Beckmann sehr, und der hat neun Triptychen gemalt, über dem zehnten ist er gestorben, man hat das mit den neun Symphonien von Beethoven verglichen, aber trotzdem ... Ja, und als ich wieder allein war, merkte ich, daß ich noch nie einen Altar in Aktion gesehen hatte. Man sieht in den Museen einen Zustand, also meist drei Tafeln, und wie das eigentlich funktioniert, war mir nicht klar. Ich hatte vage in Erinnerung, daß der Isenheimer Altar von Grünewald drei Schauseiten hat, aber wie zum Teufel sollte das funktionieren? Ich machte mir ein Modell aus Papierstreifen und probierte herum, aber mir wurde nur klar, daß etwas breiter werden muß, wenn ich es aufklappe. Ja, und überhaupt. Wie sollte man denn ein mehrteiliges Bild machen können? Es war mir ja schon rätselhaft genug, ein einfaches Bild zu machen. Aber dann hing ich einfach probehalber ein Bild auf und zwei andere daneben. Na ja, ein Triptychon eben. Und dann fing ich an wie sonst auch, und siehe da, es war weder schwieriger noch leichter, schwupp-di-wupp hatte ich den Entwurf meines ersten Triptychons. Donnerwetter! Was war das denn? War vielleicht sogar interessanter als ein einfaches Bild.
Abends telefonierte ich von zuhause mit Gerd (wir waren ja auch geschäftlich verbandelt) und erzählte ihm, daß ich gerade mein erstes Triptychon entworfen (Nrs. 573, 572, 574) und das Modell eines Altars entwickelt hatte, der vier Schauseiten vorsah. Es hatte sich einfach so ergeben: Aufklappen - größer, nochmal aufklappen - noch größer, wieder aufklappen - kleiner, zuklappen - zurück zum Ursprung. Und da waren mir Bedenken gekommen. Zwar funktionierte das - aber warum sollte man das tun? Im Vergleich zum Kreis der Kirchenfeste konnte ich mir keinen Grund vorstellen, warum man klappen sollte. Das konnte doch nicht der Willkür des Besitzers überlassen bleiben, wann was aufgeklappt würde. Da es nun aufgrund der Mechanik 4 Schauseiten waren und mir nur die 4 Jahreszeiten einfielen, was mir blöd vorkam, ich konnte damals nichts damit verbinden, wollte ich das Projekt sterben lassen. Aber während ich das Gerd vortrug, fielen mir die 4 Mondphasen ein, und das schien mir heiß zu sein, sehr heiß sogar. Denn Mitte der 70er Jahre hatte ich Bilder gemalt (z.B. Ediths 226, siehe auch Rede Hürth), die ich aufgrund entsprechender Lektüre Ende der 70er als inhaltlich bestimmt von Vorstellungen fand, die mit Weiblichkeit zu tun hatten. Weiblichkeit = Zyklus = Mond = Wiedergeburt = Schlange. Und da dachte ich, ok, das macht Sinn, das könnte ich machen. Das wäre also synchron zu den Mondphasen zu klappen. Als ich aufgelegt hatte, beschwerte sich meine Frau, die mitgehört hatte, erst darüber, daß sie noch nichts davon wußte, und dann sagte sie lapidar: Dann mußt du das aber auch in den Mondphasen malen." Ja. Aber wer kennt schon die Mondphasen? Schließlich fanden wir einen Kalender: Neumond war schon in einer Woche, am Donnerstag. Pippi machte die Rahmen, ich malte am ersten Triptychon und entwarf ein zweites. Am Mittwoch hängte ich die ersten beiden Flügel an die Staffelei. Oh! Das war doch kein Bild! Das waren zwei Handtücher! Da hängte ich noch zwei dazu, die zweite Schauseite. Na ja, nicht ganz so extrem, aber doch vier Handtücher. Dann noch zwei für die dritte Schauseite. O je, das war so breit, das war ja furchtbar. Aber dann - irgendwie war es so wie ein Handtuch, bloß quer. Ich überschlug die Dimensionen, es kam hin. Und dann hängten wir wieder ab, etwas ratlos. Zufällig stand Pippi vor einem Flügel, da stutzte ich: die paßte da genau rein. Der Flügel hatte menschliches Maß. Das war dann wohl alles so richtig und sollte so sein.
Ich erinnere insbesondere drei Einzelheiten. Einmal sind bis in die geschichtliche Zeit, in unserer germanischen Geschichte, also z.B. an nordischen Stabkirchen oder romanischen Kirchen, immer wieder Gesichter dargestellt, die zwei völlig unterschiedliche Augen zeigen. Das eine ist meist normal, das andere schwarz oder eine Spirale. Dieses Motiv der unterschiedlichen Augen ist auch an den Felsgestalten zu finden. Dann sind besonders auffällig Bildungen, bei denen aus dem Mund eines sehr großen Gesichtes ein sehr kleines Gesicht hervorwächst. Diese Gestalt ist zudem häufig, so daß sie geradezu als typisch gelten kann und Fragen nach dem Sinn einer solchen Bildung hervorruft. Dazu hatte Dr. Neumann-Gundrum allerhand zu sagen, was ich hier nicht referieren kann.
Dann gibt es dort in Bruchhausen im
Sauerland ein kleines Tal zwischen zwei Hügeln, eigentlich
Felsen, das von einem bestimmten Blickwinkel aus eine phantastische Doppelplastik
zeigt: der linke Fels ist ein Gesicht, der rechte Fels ist ein Gesicht. Und
beide Gesichter schauen sich an. Aber nicht nur das, das eine Gesicht ist
offensichtlich modern, ein Neuzeit-Mensch, das andere primitiv,
ein Neandertaler. Und wenn man genauer schaut, dann ist dieses
Schauen eine empfangendes auf Seiten des Neandertalers und ein Sendendes
auf Seiten des Neuzeit-Menschen. Absolut phantastisch!
Dr. Neumann-Gundrum war in ganz Europa herumgereist und hatte ihre Funde überall bestätigt gefunden. Sie schätzte das Alter der Arbeiten teilweise auf 40 000 Jahre. An ihre Entdeckungen hatte sie weitreichende Überlegungen angeschlossen, die eine Ahnung von den gewaltigen Dimensionen des Seins und Werdens aufkommen ließen. Lange Zeit hindurch haben mich diese Entdeckungen sehr beschäftigt. Mit einem Freund habe ich einmal in Bruchhausen einen ganz kleinen Stein gefunden, vielleicht nur 3 cm hoch, der ebenfalls deutlich zwei Gesichter zeigte. Leider ist er inzwischen verloren gegangen. Am Montag machte ich weiter. Als die zweite Mondphase kalendarisch begann, war ich fertig. Und so ging das weiter. Ich wurde nicht mehr krank und arbeitete ununterbrochen. Nach vier Wochen setzte ich ein Fest an, eine Woche nahm ich mir für die Konstruktion. Viele Gäste und Freunde kamen, das Atelier war voll. Ich stellte Musik von Miles Davis an, langsame Passagen aus einem Live-Konzert, wie ich sie oft beim Malen gehört hatte. Dann zog ich mit meinem Bruder langsam das weiße Laken vom Gestell. Die erste Seite war zu sehen. Ich fürchte, viele waren schnell mit dem Sehen fertig, aber ich mutete ihnen etwas zu. Nach einer für mich angemessenen Zeit klappten wir auf. Die zweite Schauseite. Und wieder mutete ich meinen Gästen ein Sehen zu. Und das noch zwei Mal. Aber die Leute sind ja höflich, keiner murrte. Dann kam der gemütliche Teil, die Party.
Ich war zufrieden und hatte das Gefühl, hier sei etwas Bedeutendes geschehen. Das mußte doch gewürdigt werden. Als nächstes machte ich ein Modell mit Fotos und einen Termin bei Hofmann, wenn ich nicht irre, jedenfalls einem bekannten Fachmann, damals Leiter der Hamburger Kunsthalle. Das war kein Problem. Dann saß ich ihm gegenüber und präsentierte mein Modell. Ich dachte, jetzt müßte der sich wundern. Aber das tat er gar nicht. Er blätterte einmal von vorn nach hinten und bemerkte nur: Nach hinten wird es dünn." Er hatte recht. Es ging wohl sehr auf meine Kräfte, zum Schluß pfiff ich auf dem letzten Loch. Da ging ich hin und überarbeitete alles ohne Zeitdruck, bis es gleichmäßig gut war. Und baute neue Modelle. In diesem Zustand sah es Dr. Vomm. Er kam nach Löhne und hat sich die Seiten zwei Stunden lang vorblättern lassen. Er sprach nicht dabei, nur: Weiter bitte." Er hat immer lange geschaut, ich habe den ganzen Zyklus vielleicht dreimal durchgeblättert und gar nichts gesagt. Dann sprach er: Ich kann jetzt nicht mehr gucken. Gehen wir Kaffee trinken." Im Café dann, als der Kaffee serviert war, sein Urteil (s. Selbstdarstellung). Etwas Schöneres hätte er mir nicht sagen können. Neulich fiel mir auf, daß wir ein Buch zweimal in unserer Bibliothek haben: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung. Beim Durchblättern kam mir nichts bekannt vor, da fing ich an zu lesen und fand es sehr spannend. Die Reisen in andere Kontinente waren für Jung sehr wichtig, und in Afrika lernte er den Begriff der Großen Träume" kennen. Da erinnerte ich mich an meine Großen Träume. Bekanntlich träumt man jede Nacht, erinnert sich aber oft gar nicht oder nur wenig. Hier war es anders. Ich wachte auf, mein Herz raste, mir war alles präsent, ich schrieb es auf. Das ist lange her, die Aufzeichnungen sind inzwischen verloren, aber ein bißchen erinnere ich noch. Der Eindruck der Träume war anders als sonst, es schien alles außerordentlich real. Ich konnte frei handeln, wie im Wachleben. Ich mußte auch handeln, wurde vor Entscheidungen gestellt. Solche Träume habe ich nie wieder gehabt. Sie hatten auch mit meiner Malerei zu tun. Ein Traum beendete die Selbstbeobachtung (Kamera). Es muß so Mitte 76 gewesen sein, ich kannte Engelbrecht schon, der hatte mir C.G. Jung nahegebracht, der Begriff der Großen Träume war mir schon bekannt, Engelbrecht hatte einige von sich erzählt. Daher wußte ich, wie das einzuordnen war, was mir geschah, und ich dachte: Jetzt geht es los. Aber es blieb dann bei der Serie von wenigen Träumen in kurzer Zeit. Einmal träumte ich, daß es an der Tür klingelt. Es war spätabends und dunkel, ich ging öffnen, da stand Picasso vor der Tür. Das überraschte mich, ich kannte ihn ja gar nicht, aber ich bat ihn ohne Zögern rein. Er ging voran in das Wohnzimmer, wo ein großes Bild an der Wand hing, schaute sich das an, drehte sich zu mir um, nickte freundlich und ging. Er war so um die sechzig im Traum, also ein ausgereifter Mann, noch im Vollbesitz seiner Kräfte, ganz real, auch die Größenverhältnisse usw. In Wirklichkeit war er ja gerade als Tattergreis gestorben. Er sprach kein Wort, ich auch nicht. Ein anderes Mal handelte es sich um eine Serie, und von Traum zu Traum verstand ich besser, worum es ging. Ich tauchte jedesmal aus so einem Traum auf und tauchte dann wieder hinab. Ich habe auch in diesem Halbwachzustand registriert, daß ich schwer atmete und schwitzte. Erika lag neben mir, und beim dritten oder vierten Mal sagte ich zu ihr, die mich anschaute: Hilf mir!" Da veränderte sich ihr Kopf, sie bekam einen Strahlen- und Sternenkranz und sagte: Aber ich träume doch mit!" Da merkte ich, daß das auch ein Traum war, und es ging wieder hinab. In jedem dieser Träume wurde mir eine unangenehme und schwierige Aufgabe gestellt, die ich nicht annehmen wollte, alles sträubte sich in mir. Einmal z.B. ging ich eine breite, moderne Treppe hinunter, etwa so wie in der alten Mensa in Bielefeld (im Aufbau- und Verfügungszentrum), ins Untergeschoß. Dort war eine Großküche, künstliche Beleuchtung. Mehrere Köche, eigentlich eher ruppige und fremdländische Gesellen, kamen erwartungsvoll auf mich zu, nahmen mich beiseite und führten mich in einen kleinen, schäbigen Raum, wie man ihn dort in der modernen Küche gar nicht erwarten würde. Das war auch eine Küche, aber eine fremdländische, da brutzelte und köchelte es überall, es roch fremd und scharf, es war warm, fast heiß, und ich sollte das alles bewundern und bestaunen, was ich auch tat. Dann näherten wir uns einem kleinen Topf oder eher einer Art Auflaufform, in der war nur ein Rest oder eine Kostprobe von irgendwelchen Speisen, schwarze Krümel erinnere ich, kleiner als Erbsen, vielleicht wie Kapern, aber deutlich anders, mit Soße und anderen Ingredienzien, es steht mir jetzt noch vor Augen. Davon sollte ich probieren. Oh nein, das ging nicht. Da kehrte sich mir der Magen um, es ekelte mich. Es war mir zugleich entsetzlich peinlich, ich beleidigte ja diese Leute, die so freundlich zu mir waren, in fremden Sprachen palaverten und auf mich einredeten, und ich wußte, ich konnte mich ihnen nicht verständlich machen, ich war verloren. Ein entsetzlicher Konflikt, ich wußte nicht mehr weiter, die merkten jetzt auch, daß da was nicht stimmte, und in der Tat, das fanden die gar nicht gut, was sie da ahnten, daß ich sie und ihre Speisen zurückweisen wollte. Ihre Mienen wurden schon finster, ich fürchtete Schlimmes, da ging ich in mich. Ich war ganz bei mir, vergaß die Welt um mich herum, wurde ruhig, fühlte mich gut und stark und fröhlich, tauchte wieder auf, lächelte, nahm einen Löffel, tunkte ein und führte den Löffel an die Lippen, vorsichtig, aber neugierig, nichts mehr von Verspannung, ich kostete ein wenig, sie beobachteten mich gespannt, und es war köstlich! Mein Gesicht strahlte, sie strahlten, und ich wußte, diese Prüfung ist bestanden, ich tauchte auf. Einen anderen Fetzen aus dieser Serie will ich noch erzählen. Ich bewegte mich wieder durch mehrere Räume und begegnete Menschen und Grüppchen, es war offensichtlich eine Heilanstalt, Bethel etwa, lauter Debile und Behinderte, häßlich und furchterregend. Ich wanderte so herum, die kümmerten sich nicht weiter um mich, aber ich nahm sie wahr, und mir schien, als würden die immer häßlicher und furchterregender. Die waren ganz freundlich und wach und lebendig in ihrer Verrücktheit, palaverten lauthals miteinander, schauten mich auch an, gingen vorüber, aber dann kamen einige auf mich zu. Ich merkte wieder, jetzt krampft sich alles bei mir zusammen, um Gottes willen, was wollen die? Ich blieb stehen. Oh, wie waren die häßlich! Die waren doch sicher unberechenbar! Aber sie guckten so freundlich. Also was jetzt? Können die einen anstecken? Die sind doch sicher unsauber? Und da strecken die auch schon die Arme und Hände aus, wollen mich anfassen! Kann ich hier weg? Ich kann die doch nicht beleidigen! Ich kann die doch nicht enttäuschen, die sind doch so arm dran, die freuen sich doch so! Aber es geht nicht, ich ekle mich, ich bringe es nicht über mich! Einige von denen, es waren vielleicht vier oder fünf, sahen absolut irre aus, an einen erinnere ich mich genau, der hatte als Kopf eine Art Kasserole, mit schräg nach oben stehendem Stiel! Da wird mir klar: Das ist eine Prüfung. Hier zeigst du, was du wert bist. Du mußt die liebhaben. Und die Spannung, die sich rapide aufgebaut hatte, flutet weg von mir, ich werde weich und offen, ich lächle zurück, öffne auch die Arme, wir berühren uns, ich streichle die, ich merke, wie liebevolle Gefühle strömen, hin und zurück. Da ist die Prüfung bestanden, ich tauche auf. In einer anderen Serie stehe ich auf einem Treppenabsatz ganz oben, von hier geht es nicht mehr weiter, nur noch eine Tür nach vorn und eine nach hinten. Erika ist bei mir, man hört Partylärm von unten, sieht aber nichts von der Party, nur Leute, die auf der Treppe zu zweit im Gespräch herauf- oder heruntergehen. Die beachten mich nicht. Ich stehe einfach da und schaue zu. Da fällt mir auf, daß das überhaupt nicht normal ist, was ich da sehe. Einmal gehen die Leute auf der Treppe runter, ok, aber die, die hochgehen, die gehen auf einer imaginären Treppe. Die kommen da hoch, wo es eigentlich runtergeht, und sie können auch nicht auf den Treppenabsatz kommen, weil da ja ein Geländer ist. Die lösen sich einfach auf, sobald sie sich dem Geländer nähern. Werden durchsichtig und neblig und sind weg. Donnerwetter. Dabei plaudern die vertieft miteinander, als wäre alles das Normalste von der Welt. Und sie gehen und plaudern und gehen und plaudern. Immer wieder neue Leute, interessante Leute. Wie ich mir die Sache da noch weiter anschaue und inzwischen ja weiß, wie irre das eigentlich ist, kommt von rechts einer auf mich zu, ein hünenhafter Kerl, mittleres Alter, irgendetwas ist komisch an dem, ich weiß nicht gleich, was, na ja, er ist nackt, das ist schon ungewöhnlich, aber das ist es nicht. Der schaut mich an, freundlich, und spricht! Du brauchst uns nicht zu zwingen! Wir kommen gern freiwillig zu dir. Leg doch das Mikrofon weg!" Oh, da weiß ich plötzlich, was er meint und bin ganz beschämt, das Bild einer Kamera blitzt vor meinen Augen auf, wie aus einem Prospekt. Ich stammle: Ja. Ja." Und gehe näher an ihn ran, um ihn mir genauer anzuschauen, so in Höhe des Herzens, ich liebe ihn, ja, es ist ein ungewöhnlicher Typ, ich kenne ihn ja auch gar nicht, aber ich liebe ihn, und ich denke, sowas wie ihn würde ich gern malen, und da fallen mir die anderen Leute ein, ja, die auch! Ich beuge mich etwas nach vorn, da dreht er sich leicht, wie um mir das Inspizieren zu erleichtern, da sehe ich, daß er flach ist! Er ist gemalt, auf Leinwand, und dann ausgeschnitten. Schnitt. Weite, exotische Landschaft. Brütende Hitze. Mexiko vielleicht, Hochland. Karge Vegetation, staubiger Boden, ein paar Kakteen oder so, hinter mir zieht sich ein Abhang hoch, sehr hoch, Erika schräg neben und hinter mir. Vor mir senkt sich der Weg auf einen Abgrund zu, der unabsehbar in die Tiefe stürzt, ein Canyon vielleicht. Drüben geht es weiter, wieder ein Hügel oder eine Hochebene. Kein Tier, kein Mensch, kein Laut. Da rauscht es in der Luft hinter mir, um mich herum, bevor ich mich umschauen kann, kommt es schon in mein Blickfeld, es geht alles blitzschnell, da fliegt eine alte Frau durch die Luft, mit vielen langen Röcken und Kopftuch, ganz klar eine Hexe, eher klein und pummelig, nur einen Besen kann ich nicht entdecken, die fliegt frei eine Kurve um mich, so daß sie genau in mein Blickfeld kommt, und nähert sich dabei dem Boden, sie landet und dreht sich dabei gleichzeitig, so daß sie mich anschaut. Als sie den Boden berührt, auf dem Weg, ist sie vielleicht 20 Meter weit weg. Weil der Weg abschüssig ist, schaue ich auf sie runter und sie zu mir hoch. Und während sie landete, in dem Maße, wie sie sich dem Boden näherte, färbte sich die Welt hinter ihr dunkel, schwarz-blau, das Landen ging ja ganz schnell, es ging ja alles ganz schnell, und genauso schnell färbte sich die Welt hinter ihr, wie wenn man einen Dimmer runterzieht. Sonst blieb alles, wie es war, die Sonne brannte, nichts hatte sich verändert. Hinter ihr sah es jetzt aus wie eine Wand. Da macht sie eine Geste. Sie zieht mit weit ausholendem Arm und gestrecktem Zeigefinger mit ihrer linken Hand eine Linie durch die Luft, grinst ein bißchen hinterhältig dabei, und im Staub erscheint ein Strich, wie wenn sie den da hingezeichnet hätte, aber sie hat den Boden ja gar nicht berührt, sich auch nicht von der Stelle gerührt, und die Linie ist lang, vielleicht 5 Meter. Da weiß ich Bescheid. Über diese Linie muß ich springen durch die dunkle Wand. Was immer dahinter ist. Kein Problem. Das mache ich. Ich denke nicht nach. Sofort nehme ich Anlauf, ich weiß, daß ich alle meine Kräfte nehmen muß, meinen Mut, mein Herz, ich spüre auch meine Stärke, ich stratze los, direkt auf die Alte zu, ich will über die Linie springen, rechts an ihr vorbei, da merke ich, wie sich ein Widerstand aufbaut. Je näher ich dieser Wand komme, desto stärker wird dieser Widerstand, wie bei einem Magnetfeld, die Abstoßungskräfte nehmen exponentiell zu, das kann ich gar nicht überwinden. Erst fürchte ich, ich werde nicht ausreichend Kraft haben und irgend etwas Schlimmes wird passieren, aber dann ist klar, daß ich überhaupt nicht in die Nähe dieser Wand gelangen kann. No chance. Ich drehe ab oder werde von der Wand abgedreht, ich laufe eine Kurve und bin ganz ausgelaugt. Die Alte kichert vor sich hin, als hätte sie das erwartet und mich nur ein bißchen necken wollen, ihr Grinsen wird mir jetzt auch verständlich, ich aber bin ganz enttäuscht, meine große Chance ist vertan. Ich war doch so neugierig auf die andere Seite! Gleichzeitig habe ich das Gefühl, es wäre ein großes Sakrileg, unberufen die Grenze zu überschreiten, und unberufen fühle ich mich in der Tat. Zwar war ich eingeladen worden, den Sprung zu wagen, aber war es nicht vielleicht eine Verführung und ich hatte mich verführen lassen? Gott sei Dank war ich ja gar nicht in der Gefahr gewesen, die Wand zu durchdringen, aber wäre es mir gelungen und ich wäre nicht reif gewesen, so wäre es tödlich ausgegangen. So war ich zugleich auch froh, es ist mir nichts passiert, aber wie kann ich mich entwickeln, daß ich würdig werde für den Übergang? Da tröstet mich Erika: Macht nichts. Vielleicht beim nächsten Mal."
Geliebte,
Nach Jahren erst 7.8.77 II2 |
|||||||||
© 1998-2010 · Werner Popken · +49-5744-511 574 | ||