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Mein Vater

Mein erster Kunde war mein Vater. Das hing mit dem Farbkasten zusammen, den ich zu Weihnachten bekam. Irgendwie war es wohl schon immer auffällig gewesen, daß ich gern gezeichnet und gemalt hatte. Mit vielleicht 12 Jahren hatte ich gemeint, wenn man ein bedeutendes Bild malen wolle, müsse man auch die richtigen Materialien benutzen.

Daraufhin hatte ich mir irgendeinen Stoff über einen wackligen Rahmen gezogen und mit meinen Schulfarben darauf ein Bild gemalt. Es existiert noch, es ist eine Winterlandschaft, das war wohl gerade in der Schule dran. Dann hat mir mein Vater Reste von Druckfarben mitgebracht. Er war Buchdrucker in einer Geschäftsbücherfabrik, und da druckten die wohl auch mal rote oder blaue Linien.

Mit diesen speckigen, zähen, fetten Farben habe ich dann mehrere Bilder gemalt, mehr oder weniger Vorlagen nachempfunden, z.B. ein Segler vor italienischer Hafenkulisse. (Das Bild ist eigenartigerweise schon so datiert, wie ich das später ziemlich konsequent gemacht habe: 2.4.61 .)

Dann wurde ich mutiger. Ich hatte eine pädagogisch wertvolle Schülerzeitschrift abonnieren dürfen, so etwas gab es damals, Liliput hieß sie. Die hatte in jeder Ausgabe ein Kunstwerk abgebildet, etwa so wie in HörZu Original und Fälschung, nur ohne die Fälschung. Da habe ich von Marc die roten Rehe gesehen und auf eine große Hartfaserplatte gemalt, auf die Rückseite, die ein Prägemuster hat. Mit den Schulfarben war das ziemlich mühsam, denn die Rückseite saugte das Wasser weg wie nichts. Das Bild wurde dann gerahmt und hat viele Jahre im Treppenhaus gehangen.

Mit 15 habe ich mir wohl Ölfarben gewünscht und bekommen. Die waren von Norma, im Holzkasten, echt teuer. Es war nun klar, daß man damit nicht rumspielen konnte. Jetzt wurde es ernst. Nach Meinung meines Vaters konnte man eine Kopie anfertigen, nach einem anerkannten Werk. Van Gogh z.B. war ok, wenn es schon modern sein sollte.

Wenn ich so darüber nachdenke, wundere ich mich. Mein Vater war ja im Dritten Reich aufgewachsen, zur Ausstellung „Entartete Kunst" war er 17 Jahre alt. Ich glaube, im Grunde seines Herzens gab er Hitler auch in Kunstfragen recht, obwohl oder gerade weil er sich da nicht auskannte. Wir hatten Reproduktionen von Landschaftsgemälden an der Wand, so die Hans-Thoma-Richtung, ideologisch einwandfrei. Meine Mutter hat auch einmal einem fliegenden Händler ein Ölgemälde für das neue Haus abgekauft, auch eine Landschaft, ein harmloser Schund von einer holländischen Fließbandproduktion. Ich glaube, mein Vater war darüber ziemlich erbost, aber nicht wegen des Bildes, sondern wegen der Ausgabe. Es gab wichtiNr. 2, Gemälde, n. van Goghgere Dinge, und Geld war knapp.

Van Gogh war mir recht, den fand ich gut. Da wollte ich ein Werk kopieren, dessen Abbildung auch aus der Liliput stammte, Zigeunerlager, ein ziemlich unbekanntes Bild (Van Gogh Werkausgabe Taschen S. 407). Mein Vater half mir, einen anständigen Rahmen zu zimmern. Von Keilrahmen hatten wir gehört, wußten aber nicht, was das war.

Und dann habe ich den van Gogh kopiert, nach der kleinen, schäbigen Abbildung in der Schülerzeitung. Das war nicht schwer, das machte Spaß, das gelang gut, das gefiel auch meinen Eltern, das hatte offenbar praktischen Nährwert.

Als es fertig war, hat mein Vater noch einen Zierrahmen gemacht, aus irgendwelchen Leisten, die vorhanden waren, es waren wohl Tapetenleisten, aber das kommt mir komisch vor, weil die so breit waren. Was immer es war, es kostete nichts und sah gut aus.

Dann habe ich ein noch größeres Bild gefertigt und die holländische Brücke in Südfrankreich von van Gogh kopiert. Das Bild hat auch noch einen Zierrahmen bekommen, ist aber wohl nie aufgehängt worden. Beim Räumen des Elternhauses habe ich es im Vorratskeller gefunden. Taschen hat ja sämtliche Gemälde von van Gogh rausgebracht, und da habe ich dann nachgeschaut, ob ich es finde. Ich fand mehrere Varianten, aber dieses Bild nicht. Das ist ja nun merkwürdig.

In den Siebzigern war ich einmal in Paris, wo mich nur die Museen interessiert haben, komme da in irgendeinem Museum (Jeu du Paume) um die Ecke und pralle zurück: da hängt doch mein van Gogh, das Zigeunerlager, an der Wand! (Heute im Musée d’Orsay.) Der sah genauso aus wie der in meinem Elternhaus!

Ja, und nun gingen die Farben zur Neige. Van Gogh hat ja nicht gespart. Da ging ordentlich was drauf, das sah man ja auf der Abbildung, daß das dreidimensional war. Ich weiß gar nicht, ob ich damals schon Taschengeld bekam, eher nicht. Später habe ich dann ja mit Zeitung austragen und anderem mir was verdient, aber hier hatte ich ein kleines Problem. Der Spaß war schon zu Ende. Da hat mir mein Vater das Bild für 20 DM abgekauft, damit ich neue Farben kaufen kann.

Als Student wollte ich es mal mitnehmen, aber da hat er protestiert: „Das Bild gehört mir!" Ins Altersheim hat er es aber nicht mitgenommen, also habe ich es jetzt wieder. Aber heute mag ich van Gogh nicht mehr so sehr. Ich sehe immer nur seine Probleme und sein Scheitern. Er hatte soviel Gefühl und nur seine Landschaften, Stilleben und Porträts. Er fand so oft seine Themen nicht. Wie Picasso.

Rote Rehe, n. MarcIch habe dann noch zwei Monets kopiert und die roten Pferde von Marc und dann habe ich einen Marc frei erfunden. Ich hatte vom Turm der blauen Pferde gelesen, das Bild aber nie gesehen. Da habe ich einen Turm von Pferden gemalt, wie ich es mir vorstellte, aber eins war gelb, eins rot, eins blau, soweit ich mich erinnere. Es müßte ja noch da sein. Ja, jetzt fällt mir ein, meine jüngere Tochter Leevke hat es in ihrem Zimmer. Die ist auch eine Pferdenärrin.

Ich bin auf einem kleinen Dorf mit 800 Einwohnern geboren, die Flüchtlinge mitgezählt. Jeder Bauer hatte zwei Pferde. Ich muß so drei Jahre alt gewesen sein, da konnte ich schon vom Klang der Hufe auf der Teerstraße sagen, welche Pferde kamen. Ich konnte den Klang auch nachahmen, und zwar alle drei Gangarten für ein einzelnes Pferd und für ein Paar. Heute kann ich das auch noch, aber nicht mehr so gut. Und lange vor der Schulzeit habe ich immer wieder Pferde gezeichnet. Und natürlich Pferd gespielt.

Tante H.

Den einen Monet wollte meine Lieblingstante H. haben, die jüngere Schwester meiner Mutter. Es ist ein kleines Querformat, man sieht über einen See auf ein Ufer, ein Segelboot liegt davor. Weihnachten habe ich meinen Vater besucht, und da erwähnte er, daß die es immer noch an der Wand hängen haben. Das wertete er als Zeichen, daß sie es immer noch schätzen, und das tat ihm gut. Meine Tante hat nichts bezahlt. Es war meinen Eltern und mir eine Ehre, daß ihr das Bild gefiel. Es war natürlich wichtig, daß es ein Monet war.

Jugendarbeit n. Monat

Meine Verwandten wissen nicht, daß ich ein Maler bin. Meine Eltern unterstellen, daß das keiner verstehen würde. Sie finden es peinlich. Ich weiß nicht, was die von mir wissen und denken. Meine Kusine, die Tochter von Tante H. sagte mir einmal bei einem Familientreffen, nachdem ich promoviert hatte: „Jetzt redest Du wohl nicht mehr mit uns!" Ich war sprachlos.

Bei dem Gespräch mit meinem Vater habe ich nach seinem besten Freund gefragt, der im Gegensatz zu ihm seine Träume wahr machen konnte. Er hat Abitur gemacht, Jura studiert, promoviert. Ich kann mich noch gut erinnern, daß er uns mit seiner Familie öfters besucht hat. Dabei stellte sich heraus, daß er drei Söhne hat. Der älteste ist ebenfalls Jurist und hat promoviert, der zweite ist auch Jurist, hat nicht promoviert, beide wohnen nebeneinander in zwei Häusern, die der Vater gebaut hat.

Und der dritte ist ... Künstler, Bildhauer. Ich fiel fast vom Stuhl, den Namen kannte ich, ich habe ihn nie mit meines Vaters Freund in Verbindung gebracht. Auf die Frage, was denn wohl sein Freund dazu gesagt habe, daß sein dritter Sohn Künstler wird, entgegnete mein Vater: „Da war er ja schon tot!"

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