Memoiren: Maler Kollegen und Freunde
Der Franzose kam in die Kölner Wohnung und brachte noch einen Landsmann mit. Er war auch Psychoanalytiker und hat seinen Weinhandel später an einen Großkonzern verkauft (Jacques Weindepot). Er hieß gar nicht Jacques, aber sein Freund, der war bei der französischen Botschaft für den Agrar-Import zuständig und mit einer Deutschen verheiratet. Die hatte eine Schwester, deren Mann sich auch für Kunst interessierte. Jacques L. brachte seine Schwägerin Monika und seinen Schwager Hans S. zur Eröffnung nach Düren mit. Und er kaufte dort Nr. 279. Schön!
Mittlerweile hatte ich Preise für die Bilder. Und das kam so: Noch bevor die Sache mit der Ausstellung feststand, haben wir in den Osterferien 1982 eine Urlaubsfahrt unternommen. Ich hatte einen alten, umgebauten Bulli gekauft, der vorne eine durchgehende Sitzbank hatte. Auf einer Fußbank saß unsere Tochter Merle, noch nicht zwei Jahre alt, konnte alles sehen, saß zwischen uns, sang lauthals und pausenlos mit, es war herrlich. Nachts schlief sie in einem Bettchen, das über der Kochzeile schwebte (hinter der Sitzbank), tags hing das Bett unter der Decke. Wenn sie müde war, kam sie hinten ins Kästchen und schlief während der Fahrt.
Ich war völlig verwirrt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Der Galerist mußte das doch wissen. Der kannte doch den Markt, Qualitäten, Preise. Er darauf: Ja, schon. Was kosten?" Was nun? Noch eine letzte Ausflucht: Das hinge doch von der Qualität, dem Format, dem Alter usw. ab. Er wieder: Ja. Dieses Bild hier. Was kosten?" Und zeigte auf Nr. 238. Da war ich nun festgenagelt. Ich mußte mir jetzt was aus den Fingern saugen. Ich war ja viel auf Messen und in Galerien gewesen, hatte also auch reichlich Preise gesehen, sicher auch mit meinen Sachen verglichen, aber alles nur im Stillen. Ich meinte mich einordnen zu können, die Sachen waren gut, durften also nicht zu billig sein. Da sagte ich: 12.000 Mark." Er rechnete flugs in Lira um: Das ist teuer. Kommen Sie mit."
Ich war also klar und offen mit dem Warencharakter von Kunst konfrontiert worden, war ernstgenommen worden, hatte Farbe bekennen müssen. Das saß. Ich mußte in diesem Punkt Klarheit gewinnen. Als ich zurück war, habe ich drei Personen konsultiert, die mehr davon verstehen mußten als ich. Einmal Dr. Eimert, Museumsleiterin, dann Dr. Gerd K., auch Kunsthistoriker, der eine größere Galerie in Köln leitete, und Jakob A., akademischer Künstler, in Düsseldorf und Münster ausgebildet, er hatte auch einmal zwei Semester bei Beuys studiert. Den dreien habe ich das Foto von Nr. 238 gezeigt: Was kosten?" Und alle zierten sich erst, wollten nicht ran, dachten dann nach, längere Zeit, und nannten einen Preis. Nicht von / bis oder zwischen dem und dem, nein, genau 8000, 8000, 7500. Da war ich platt. Das war also der Markt. Da gab es irgendwie ein Gefüge, das ein gewisses Maß an Objektivität oder zumindest Verbindlichkeit hatte, das durch ständiges Tun immer wieder neu bestimmt wurde, bei jedem Verkauf wurde durch Übereinstimmung zwischen Käufer und Verkäufer der Preis neu festgesetzt. Natürlich ist das in jedem Markt so, wobei jeweils besondere Spielregeln gelten mögen. Die erste Regel lautet: Der Anbieter muß seinen Preis kennen und nennen. Ich richtete mich nach diesem Rat, nahm den kleinsten Preis, rechnete in Lira um und wertete dabei ab, wieder zurück in DM, wertete wieder ab, kam auf einen Preis von 7.200 DM. Später habe ich dann gestutzt, mir fiel auf, daß ich wie selbstverständlich mit meinem Preis nach unten gegangen war und mich mitnichten nach dem Rat der Fachleute gerichtet hatte. Das konnte doch nicht richtig sein, damit hatte ich mich unter Wert angeboten, und das ist in einem Markt ebenso falsch wie überteuert. Da habe ich nochmal korrigiert. Ausgehend von diesem Eckwert habe ich dann für alle anderen Bilder die Preise nach Größe und Technik bestimmt. Je kleiner, desto billiger, aber natürlich nicht linear, denn sonst wären die großen unbezahlbar oder die kleinen zu billig. Mit diesem Preisgefüge bin ich dann gut gefahren. Sowohl Galeristen als auch Privatleute habe es geschätzt, daß ich einen Preis nennen konnte, diesen in der Regel auch akzeptiert. Und damit war ich im Markt, bei jedem Verkauf wurde dieses Preisgefüge überprüft und meistens bestätigt. Ich sah jedenfalls keine Veranlassung, daran etwas zu ändern.
Oft mache ich mir Vorstellungen davon, was gut und bedeutend ist, und sehe dann gar nicht mehr das Bild. Durch die Entscheidung eines anderen ergibt sich die Chance, wieder hinzusehen und sich dem einfachen Erleben zu öffnen, das nicht durch Vorurteile verbogen ist. Beim Malen besteht natürlich dieselbe Gefahr, und auch da bin ich nicht gefeit. Oder allgemeiner: Auch das Leben selbst versuchen wir in Bahnen zu pressen, uns vor dem Unbekannten zu schützen, die Zukunft aus der Vergangenheit zu verstehen, und bringen uns um das unmittelbare Erleben. Viele Systeme sind aufgestellt worden, mit diesen Gefahren umzugehen und das wahre Leben zu gewinnen. Hürth ist Kreisstadt, der Kreis veranstaltet Ausstellungen im Kreishaus. Dr. Eimert ist Beraterin des Kreises und hat mir auch dort eine Ausstellung verschafft. Für die Presse mußte ich selbst sorgen. So lernte ich Friedrich Riehl kennen, der über die Dürener Ausstellung ein Interview für den Rundfunk gemacht hat, über die Hürther Ausstellung wurde dann im 3. Fernsehprogramm berichtet. Der Mitschnitt ist noch im Laufe des Jahres verloren gegangen, in einer Ausstellung hat jemand offenbar in einem unbeaufsichtigten Moment am Recorder gespielt, die Cassette war nicht gesichert. Für Düren hatte ich ein eigenartiges Plakat entworfen, dümmer kann man es eigentlich nicht machen. Die Gründe sind mir heute nicht mehr gegenwärtig, ich werde mir schon was dabei gedacht haben. Ich habe eine zarte Bleistiftzeichnung angefertigt und diese reproduziert. Das Format war klein, Autofahrer haben sicher gar nichts erkannt. Für die Hürther Ausstellung habe ich dann ein knackiges Gemälde reproduzieren lassen, Nr. 294.
Nach der Ausstellung brachte ich das Bild vorbei. Dann mußte ich staunen: Frau B. fragte mich, ob sie mir etwas zu dem Bild erzählen solle, nicht umgekehrt, wie ich das gewohnt war! Gern habe ich dem zugehört. Einige Wochen später bekam ich dann einen Brief: Sie habe das Bild gekauft, weil es so angenehm und wohltuend wirkte, jetzt aber beunruhige das Bild sie, was ich dazu zu sagen hätte. Das fand ich gut. Das Bild ist nämlich nicht nur schön und nett, unter der Oberfläche brodelt es, und das kam jetzt zum Vorschein. Ein Dialog entspann sich mit dem Bild und setzte etwas in Bewegung. Das Bild lebte, die Beziehung zum Bild war lebendig. Das gefiel mir sehr. Später einmal fragte sie mich um Rat. Die Kinder wuchsen heran, sie überlegte, ihr Studium wieder aufzunehmen, ihr Mann riet ihr, doch eine Galerie aufzumachen. Mein Vorschlag war, es doch einfach zu probieren, z.B. eine Ausstellung mit meinen Arbeiten in ihrem Haus zu machen. Den Vorschlag griff sie auf. Diese Ausstellung hat offenbar soviel Mut gemacht, daß sie tatsächlich später eine eigene Galerie gegründet hat. Des Lebens Turbulenzen haben zwar dazu geführt, daß sie zwischenzeitlich wieder geschlossen wurde, aber jetzt hat sie wieder eine Galerie. Ein Bild aus dieser Ausstellung hat später ihr Mann erworben, auch eins mit zwei Seiten.
Z.B. gibt es einen kleinen Männerkopf mit Hut und Feder. Das ist an sich kein Problem. Aber der Mann singt aus voller Lust und vollem Halse, man sieht die Zähne, die Zunge, sogar die Mandeln. Wenn man das abformen wollte, müßte man das Silikon in den Mund gießen und beim Rausziehen würden die Zähne abbrechen. Tatsächlich habe ich beim Patinieren einen Zahn herausgebrochen. Die Figur war hin, die ganze Wirkung weg. Es war schlimm. Da habe ich aus Fimo einen Ersatzzahn gemacht, einen halben Millimeter breit, einen dreiviertel Millimeter lang, den im Backofen gebacken und mit Sekundenkleber und Pinzette an die richtige Stelle plaziert. Da war es wieder gut. Der Trick mit dem Patinieren ist auch unter Fachleuten ziemlich unbekannt, ich muß das irgendwo gelesen haben: Die gebrannte Figur wird mit Schuhcreme eingerieben und poliert. Die Wirkung ist erstaunlich: Es sieht aus wie gegossen. Herr St. ist Spezialist für Kunst bei einer Versicherung, und daraus ergab sich später noch eine sehr nette Begebenheit. Aber dazu muß ich erst noch mehr über Hans S. erzählen.
Diese Ausstellung wurde ein großer Erfolg. Er brachte Freunde mit, die Bilder kauften. Herr L. brachte seine Nachbarin mit, die Bild Nr. 297 kaufte. Diese war wieder für die CDU im Stadtrat von Berg. Gladbach und saß im Kulturausschuß. Daher kannte sie den Museumsleiter Dr. Vomm gut und brachte den auch mit. Der wollte dann eine Ausstellung mit mir machen, zu der es aber wegen Umbau- und Renovierungsarbeiten nicht gekommen ist. Dr. Vomm war früher am Museum Ludwig in Köln beschäftigt gewesen und kam später nach Löhne und schaute sich den Altar an. Sein Urteil hat mir sehr gut getan und mich über die Jahre immer wieder gestützt. Herr L. kaufte schon vor der Eröffnung das Bild, das ich für die Einladung benutzt hatte (Nr. 292). Friedrich Riehl, der WDR-Redakteur, ist auch Fotograf, und das Interview hatte er in Löhne gemacht. Natürlich hat er dabei auch fotografiert. Auf einem Foto hocke ich vor der Staffelei, auf der 291 und 292 im ersten Entwurfsstadium hängen.
Da 294 als Plakat nicht recht schicklich schien, der Aufwand für ein neues Plakat aber zu hoch war, habe ich einige wenige Plakate im Buchdruck von Hand gemacht und von einer Farbstiftzeichnung farbige Fotokopien erstellt. Das war damals nicht leicht, ich mußte bis Hannover fahren und das Bild aus zwei Teilen zusammensetzen. Billig war das natürlich auch nicht. |
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