Memoirs: Realities
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Messe Basel
Auf der Basler Messe habe ich Wittrock wieder getroffen. Er
hatte keinen eigenen Stand. Er erkannte mich, hatte sogar im Katalog gesehen,
daß ich beteiligt bin (ich habe gar keinen mehr), fragte: Wo
sind Sie denn, ich habe Sie gar nicht gesehen!" Ich erklärte es ihm.
Ich hatte in Kiel eine kleine Galerie vom Niederrhein
kennengelernt, die Äpfel in Schalen und knackige halbnackte Mädchen
anzubieten hatte. Dafür gab es in Basel eine eigene Ecke. Die hatten
den Gang für mich gemietet und auch nicht bedacht, daß dort
natürlich nur Leute rumlaufen, die Äpfel usw. suchen. Da
sieht Sie ja keiner!" Recht hatte er.
Er war für eine Großbank unterwegs. Die stattete ihre neuen
Bürotürme mit Kunst aus. Dazu hatte sie eine Kommission berufen,
in der neben Bankleuten vor allem zwei Museumsleute saßen. Die gingen
natürlich nicht einkaufen. Das mußte Wittrock tun. Er kriegte
die Namen und das Geld, zweistellige Millionenbeträge. Es wurden
natürlich nur Wertanlagen gekauft. Was jedenfalls im Moment als solche
galt.
Wertanlagen
Das ist ein wesentlicher Aspekt im Kunstbetrieb. Alle lesen von den
phantastischen Wertsteigerungen und träumen mit. Wie in jedem Markt
bestimmt sich der Preis nach Angebot und Nachfrage. Wenn man die Nachfrage
manipulieren könnte, würden es alle tun. Es wird sicher versucht.
Derzeit macht ein Theaterstück weltweit Furore, wir haben es gerade
in Bielefeld gesehen: Kunst" heißt
es. Man fragt sich, warum die Leute so heiß darauf sind. Einmal scheint
es am Titel zu liegen. Kunst ist ein heißes Thema, rätselhaft,
emotionsgeladen. Und die Kunst im Stück löst auch Emotionen aus.
Zwei Anlässe sind auszumachen: Es geht um drei Freunde, zwei studiert,
der eine wohlhabend, der dritte arm, erfolglos.
Der Wohlhabende gibt mehr Geld für ein Bild aus, als der Arme im Jahr
verdient. Das ist an sich schon ein Ding, aber das wäre vielleicht noch
zu rechtfertigen, wenn zu erkennen wäre, daß damit ein Gegenwert
verbunden ist. Nun wird da noch eins drauf gesetzt: Das Bild ist weiß.
Es ist so gut wie nichts zu sehen. Das Stück gibt natürlich keine
Antwort, es ist eine Boulevard-Komödie. Das Publikum amüsiert sich,
weil es sich identifiziert, d.h. eben bei Kunst oft auch nichts sieht,
wofür man das Geld ausgeben würde oder wofür andere das Geld
ausgegeben haben.
Ein Hinweis wird im Stück gegeben: Kunst wird auch zur sozialen
Differenzierung benutzt. Es macht dem Wohlhabenden eine diebische Freude,
den anderen zu zeigen, daß sie sich so etwas nicht leisten können,
und selbst wenn sie es könnten, nicht leisten würden, weil sie
zu dumm, borniert, rückständig, was weiß ich, sind, um solche
Kunst zu schätzen. Sie gehören nicht dazu. Der Aspekt der Wertanlage
ist natürlich immer mit dabei. Es ist vernünftig, soviel Geld
auszugeben, wenn es gut angelegt ist. Von Kunsterleben ist nicht die Rede.
Es gibt nichts zu erleben. Angeblich steht eine Idee dahinter.
Unsere großen Tageszeitungen sind Wirtschaftszeitungen und daher auch
Kunstzeitungen, wer hätte es gedacht? Der Kunstmarkt wird genauso beobachtet
wie der Aktienmarkt, hier wird das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage
täglich weltweit rund um die Uhr austariert, bei Kunst nur
anläßlich der Auktionen, sonst ist das Verkaufsgeschehen ja nicht
öffentlich. Die sind aber gar nicht so selten, wie man meinen möchte,
es gibt sie fast überall und zu fast allen Gegenstandsbereichen.
Bekanntlich kann man in Aktien groß gewinnen
und groß verlieren. Das gilt auch für die Kunst. Ende der Siebziger
habe ich eine Untersuchung zweier Studentinnen gelesen, die damit in Hamburg
ihren Abschluß gemacht haben. Ein Hamburger Kaufmann machte im letzten
Jahrhundert in Manchester ein Vermögen. Er legte groß
in zeitgenössischer Kunst an (erinnert das nicht an die Großbank?)
und wollte seinen Besitz dann seiner Heimatstadt schenken (das kommt doch
heute auch alle Tage vor!).
Natürlich nicht ohne Gegenleistung: Die Sachen mußten gezeigt
werden, zum Teil wenigstens, es mußte auch angebaut werden, ein
Riesenvertrag wurde ausgearbeitet, so wie heute auch, Adolf von
Menzel malte eine festliche Urkunde der Hansestadt für den Stifter.
Und der Vertrag wurde auch eingehalten. Aber dann. Nach wenigen Jahren war
ein Großteil verkauft, der Rest im Magazin. Nichts mehr wert. Es war
die Tagesmode gewesen, die der Herr Kaufmann teuer eingekauft hatte.
Abschließend noch eine Anekdote aus unseren Tagen:
Mein Kollege M. von der Oelder Zeitung Die
Glocke" brachte auf einer Pressekonferenz in der Bielefelder
Kunsthalle den verstorbenen Leiter Dr. Weisner in
Verlegenheit.
Weisner hatte lang und breit erklärt, warum der
Baselitz, den sie erworben hatten, für Bielefeld so wichtig
sei und überhaupt eine bedeutende Arbeit und wie schwierig es gewesen
sei, das viele Geld dafür aufzutreiben, und wie viele Sponsoren hätten
dazu beitragen müssen. Das Bild war aber schon 15 Jahre alt. Da sagte
M. ganz trocken: Hätten Sie als Fachmann den Wert des Bildes nicht
schon vor Jahren erkennen müssen, als es noch billig war?" Ich weiß
nicht mehr, was Weisner geantwortet hat.
Eine Nachbarin, die den Jahresüberschuß in Kunst anlegte, klagte
einmal, sie sei gleich am Tag nach der Vernissage zu Brockstedt
gekommen, da seien alle Janssens bereits verkauft gewesen
(zu Preisen zwischen 45.000 und 80.000 DM). Den hätte sie seit den
frühen 60ern beobachtet (nicht gekauft!), man habe ja geglaubt, der
würde sich totsaufen. Nun war er teuer und etabliert, da konnte man
zugreifen.
Mosaik im
WDR
Friedrich Riehl war zum Interview nach Löhne gekommen,
es war Winter, kurz nach seiner Abfahrt stand er wieder vor der Tür:
Schneetreiben bei Bad Oeynhausen. Ich machte eine Flasche Wein
auf, da fiel ihm ein: Die Berichterstattung aus
Ostwestfalen sei so dünn, ich könne doch reden, ob
ich nicht für sein Magazin berichten könnte. Am kommenden Samstag
sei Pressekonferenz in Düsseldorf für die große
Matisse-Ausstellung, am Sonntag sei Eröffnung, er sei
Sonntag nachmittag mit der Budengasse dran, da könnte
ich nach Köln ins Studio kommen, wir würden dann
ein Live-Gespräch machen.
Gesagt, getan. Riehl hat mich souverän durch das Gespräch
geführt, ich habe geplaudert, es war wunderbar. Am Montag sprachen ihn
Kollegen an: Wen er denn da aufgetan habe? Die meisten trauen sich nicht,
live zu sprechen. Auch den Redakteuren ist das zu heikel. Wenn man aber ein
Manuskript verliest, wird es unvermeidlich dröge. Und da die meisten
Leute beim Hören Autofahren, Frühstücken usw. geht die ganze
Sache unter. Kaum redet einer live, wachen alle auf und hören zu.
Carmen Thomas z.B. arbeitet seit Jahren ohne Netz und doppelten
Boden und ist berühmt dafür.
Später bin ich dann immer nach
Bielefeld ins Studio gefahren, Riehl saß in Köln,
und dann haben wir in Mosaik live geplaudert. Seine Führung war immer
so sicher und leicht, ich habe mich voll auf ihn verlassen und war ganz
entspannt, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Es war schön, mit ihm
zu arbeiten. So habe ich z.B. über die drei großen italienischen
Cs berichtet (Chia, Clemente,
Cucchi), über Baselitz, über
Droese.
Mit Droese habe ich auch kurz über mein Erlebnis mit
Zwirner gesprochen. Da machte er den schleppenden, steifen,
langbeinigen Gang von Zwirner nach und sagte: Wenn Zwirner kommt und
sagt: Tach, Zwirner, dann mache ich mich lang und richte mich
auf und sage: Tach, Droese. Gar kein Problem". |