Memoirs: Studies Im Alter von 18 Jahren habe ich Abitur gemacht (2 Kurzschuljahre) und das Elternhaus verlassen. Mit Harald, der in der Mittelstufe in meiner Klasse war, in der Oberstufe aber im sprachlichen Zweig, ging ich 1966 nach Berlin. Seine Mutter brachte uns bei einer entfernten Verwandten in Ruhleben unter, einer alten Dame, deren Villa nach einem Bombenangriff nur noch ein Geschoß hatte. Wir wohnten im Keller. Ich hatte meine Künstlerölfarben mitgenommen und wollte endlich malen, was ich wollte, ohne daß mir jemand (d.h. mein Vater) reinredet. Meine letzten Sachen waren Kopien nach Illustrationen im Readers Digest gewesen - das fand ich offenbar nachahmenswert. Richtig gefallen hat es mir aber wohl nicht. Der Kopf eines alten Inders z.B. hing noch lange bei meinen Eltern. Aber was hatte ich mit dem alten Inder zu tun? Die Frage stellte ich mir nicht, aber sie lauerte offenbar im Hintergrund. Die Tür meines Zimmers in Berlin hatte eine Riffelglasscheibe, und darauf habe ich einen Sonnenuntergang oder so etwas gemalt. Es gefiel mir nicht. Es fiel mir nichts ein. Ich war so entmutigt, daß ich aufgab. Nun konnte ich niemandem mehr die Schuld in die Schuhe schieben, wenn ich nicht wußte, was ich malen sollte bzw. unzufrieden war mit dem, was ich tat. Im Jahr darauf kam Haralds Bruder hinzu, für den war kein Platz, also suchte deren Mutter uns eine Berliner Wohnung in der Kurfürstenstraße. Wir mußten noch zwei Zimmer untervermieten. Eins ging an einen Freund und Kommilitonen, auch ein Werner, Werner S., das andere an einen Mathematiker höheren Semesters, Manfred K., der gerade von einem einjährigen Aufenthalt in New Orleans zurückkam und mich durch seine Reife ungeheuer beeindruckte. Der kriegte das schönste Zimmer, mußte auch am meisten Miete zahlen, den Rest losten wir aus. So eine Berliner Wohnung in einem Gründerzeitbau hat bekanntlich ein Berliner Zimmer, ein großes Durchgangszimmer für festliche Gelegenheiten. Da konnte natürlich keiner wohnen. Hier habe ich dann nach und nach meine Arbeiten aufgehängt, es war ja Platz genug da. Hier stand auch das Telefon, und wenn einer Werner" brüllte, kamen zwei angerannt. Bis ich dann Joe hieß. Ich hatte das kleinste Zimmer gelost, 9 qm mit großem Kachelofen, zwei Türen und Waschbecken. Es paßte ein Schreibtisch und Stuhl hinein und ein Bett, hinter dem Waschbecken noch ein Faltkleiderschrank, neben der Tür eine Sitzbank mit Stauraum und zwischen Waschbecken und Kachelofen zwei Sitzpolster. Es blieb noch ein schmaler Gang, wo man sich umdrehen konnte. Das Zimmer war ebenso hoch wie der Rest der Wohnung, wodurch der Eindruck eines Schachtes entstand. Ich improvisierte eine Zwischendecke aus Brettern und Eierkartons. Das Fenster eröffnete einen Ausblick in den Hinterhof.
In Berlin war ich sehr einsam. Im Frühsommer 1968
kostete es mich viel Mut, eine Kommilitonin anzusprechen, eine der wenigen
Frauen unter den Mathematikstudenten, hübsch noch dazu.
Erika hatte ein Zimmer im Hansa-Viertel, alte Möbel mit
viel Liebe und Farbe aufgemotzt, viel Platz und sparsam möbliert. Es
In den Semesterferien machten wir eine große Reise nach Skandinavien. Dazu lieh ich mir den roten Käfer meines Vaters aus, sein erstes Auto, dazu die Zeltausrüstung. Ich erinnere nur wenig. In Stockholm besuchten wir das Museum für Moderne Kunst. Über Arbeiten von Yves Klein, blaue Schwämme und Abdrücke von Frauenkörpern, habe ich mich aufgeregt: Das sollte nun Kunst sein? Das machte ich besser! Und so sind meine ersten Arbeiten entstanden - als Kommentar und Protest. Ich schaute mich öfters bei den vielen Berliner Trödlern um, vor allem nach Goldrahmen (in Wenders Film Himmel über Berlin" gibt es eine schöne Trödler-Szene, als der Engel seine Flügel gegen Gebrauchtklamotten eintauscht). In einen der prächtigen, überladenen Rahmen, die ich kaufte und seither mit mir rumschleppe, baute ich ein Bild ein mit Schwämmen. Ich konnte mir Naturschwämme, wie Yves Klein sie benutzt hat, nicht leisten, die billigsten von Bolle taten es auch. Dafür zerpflückte ich sie und baute eine Mondlandschaft mit Gips. Dann sprühte ich das Ganze an, überwiegend rot. Manfred hatte eine Freundin, die er dann heiratete. Das rote Bild war mein Hochzeitsgeschenk. Nun war Uta medizinisch-technische Assistentin. Mein Bild erinnerte sie fatal an Blut und Lungengewebe und ähnlich schreckliche Sachen. Als wir aus Amerika zurückkamen und in Bielefeld an der neuen Uni eine Wohnung suchten, wohnten wir ein paar Tage bei ihnen. Ich fand das rote Bild in der Waschküche hinter Fahrrädern. Da hat Uta mir erklärt, daß es sie ekelt und gab es mir zurück.
Die Frauen von Yves Klein ließen mich offenbar auch nicht los. Im Winter kaufte ich eine Faschingsmaske, eine schwarze Faschingsperücke, Sprühfarbe, Nessel, Keilrahmen und einen großen Pott Nivea. Dann ließ ich ein heißes Bad ein, Erika zog sich aus und ich cremte sie von Kopf bis Fuß dick ein. Sie setzte die Maske und Perücke auf, legte sich im Berliner Zimmer auf das Nessel und ich sprühte sie ab. Dann schabte ich die Creme und die Farbe mit dem Messer ab, so gut es ging, und steckte sie in die Badewanne. Das Nessel zog ich auf den Keilrahmen, rahmte das Ganze und hing es in das Berliner Zimmer (Nr. 4a). Als wir nach Amerika gingen, konnten wir kaum etwas mitnehmen, geschweige denn meine Kunstproduktion. Ich hatte die Stirn, bekannte Galerien aufzusuchen und denen meine Sachen mit genau der Begründung anzubieten. Natürlich erntete ich nur höfliches Bedauern. Der Objektkünstler Ben Wargin hatte damals eine Avantgarde-Galerie im Europa-Center. Er bot dort z.B. solche Phallus-Objekte an, wie sie im Film Clockwork Orange von Stanley Kubrick bei der Tänzerin rumstehen, die dann von den Rockern als Mordinstrumente mißbraucht werden. Er schaute sich meine Dias wirklich an, eins nach dem anderen, und meinte dann: Interessant. Aber keine Linie drin. Außerdem habe ich das ganze Lager voll." 1984 habe ich Wargin wiedergesehen. In der Dortmunder Westfalenhalle fand ein Kunstmarkt statt, ich malte draußen in der Öffentlichkeit ein großes Bild (195*362 cm, Nr. 508). Er kam vorbei und guckte zu. Als wir ins Gespräch kamen, erzählte ich ihm die Geschichte, an die er sich natürlich nicht erinnern konnte. Aber es sieht mir ähnlich!"
Die Nationalgalerie in Berlin war ziemlich neu, und mit einem anderen Mathematikerfreund, Wilfried S., und dessen Frau besuchte ich eine große Ausstellung über Pop-Art. Ich erinnere noch die Brillo-Boxes von Andy Warhol und die anschließende Diskussion in deren winziger Kreuzberger Wohnung. Ich war empört, Wilfried fand es gut. Ich hatte von nichts Ahnung und war ganz provinziell, Wilfried ganz aufgeklärt und überlegen. Insbesondere erinnere ich eine Diskussion über einen Turnschuh, den einer der Amerikaner einfach so an die Wand genagelt hatte. Ich nehme an, daß Wilfried im Sinne der Duchampschen Ready-Made-Ästhetik argumentierte, das leuchtete mir aber nicht ein. Danach machte ich meinen Schuh (Nr. 5, s. Einleitung).
Da sich kein Käufer fand, blieb es da, als wir nach Amerika gingen. Bei der folgenden Großen Berliner Kunstausstellung hat Harald das Bild unter seinem Namen eingereicht. Und man stelle sich vor: Der Umschlag des Katalogs zeigt eine Collage aus diversen Kunstwerken, und mein Werk ist darunter!!! Harald zeigte es mir ganz stolz, als ich wieder zurückkam. Ich konnte nur mit den Schultern zucken. Vielleicht hat er den Katalog noch, er sammelt ja leidenschaftlich Bücher. Das Bild ist verschollen. Manch anderes auch, von einigen Sachen gibt es die erwähnten Dias, manches ist noch da. Als ich nach Amerika ging, hatte ich die Kunst schon wieder aufgegeben. Ich versuchte es mit der Fotografie, das hatte ja was Handwerkliches. Jahrbuch der Deutschen Fotografie Mir war klar, daß ich nicht der erste Mensch war, der ein Foto machte. Da gab es eine ausgeprägte Ästhetik, die wollte ich mir zu eigen machen. Aus allen Bibliotheken lieh ich mir Fotobände aus und versuchte durch Sehen zu lernen. Ich wollte in das Jahrbuch der Deutschen Fotografie kommen, man stelle sich vor! So gibt es kaum Erinnerungsaufnahmen aus Amerika, nur Kunstfotos, die man überall hätte aufnehmen können. In Bielefeld habe ich schon wesentlich weniger fotografiert. Ich war sehr kritisch und warf alles weg, was mir nicht genügte. Schließlich drückte ich kaum noch auf den Auslöser. Zwar war ich mit den Ergebnissen durchaus zufrieden, ich hatte etwas gelernt, aber es langweilte mich.
Daher war ich sehr überrascht, daß ich ein persönliches Ablehnungsschreiben bekam mit einer längeren Begründung. Man habe sehr geschwankt, ob nicht meine Aufnahme eines herbstlichen Buchenwaldes genommen werden sollte, sich aber schließlich aus Platzgründen dagegen entscheiden müssen. Donnerwetter! Mein Schnappschuß vom Spaziergang im Teutoburger Wald! Ich habe dann einen Farbabzug vom Dia gemacht, das war sehr kompliziert und teuer, und es meinen Eltern zu Weihnachten geschenkt. Die hängten es an die Wand, es ist jetzt völlig verblichen. Die Fotografie war es offensichtlich auch nicht. Ich gab alles auf. Wollte nur noch Mathematik studieren. Ich wollte auf keinen Fall wieder in die studentische Selbstverwaltung, meine Amtszeit in Berlin hatte mir vollauf gereicht, es waren ja die stürmischen sechziger Jahre. Aber nach einem Semester konnte ich mich nicht mehr raushalten. Das war eine neue Universität, alles war zu gestalten, man brauchte ältere, erfahrene Kräfte. Schließlich hatte ich 9 Ämter am Hals, arbeitete als Hilfsassistent für meinen Lebensunterhalt, betrieb mein Studium und schrieb auch noch meine Diplomarbeit. Das ging erstaunlich gut. Davor hatte ich eine furchtbare Krise, persönlich, beziehungsmäßig, beruflich, ich war depressiv, am Ende, am liebsten hätte ich mich umgebracht, wenn ich gekonnt hätte. Dann hatte ich die Nase voll davon und beschloß, mich ein wenig zu manipulieren. Ich wußte bereits durch Feedback von Freunden und sonstige Erfahrungen, daß mein Vater mir sehr wichtig war und ich eigentlich seine Anerkennung wollte, aber natürlich nicht bekam. Also suchte ich mir eine Vaterfigur und wollte eine Arbeit für diese schreiben. Der Professor verstand mich gut und bat mich in einer Woche wieder zu sich. Da ging es mir schon wesentlich besser. Das Thema war mir aber zu leicht, da ging ich zu einem anderen und ließ meinen Spruch wieder los. Lenzing war äußerst befremdet, mit solchen Sachen wollte er nichts zu tun haben. Aber er gab mir ein Thema, das mir paßte. Den Zettel mit seinen Notizen überschrieb er: Betr. J. Missbach, Diplomarbeit. Er kannte mich nur als Joe, niemand wußte meinen richtigen Vornamen, und nahm schon richtig an, daß das nicht mein richtiger Name war, vermutete vielleicht einen Johann oder so. Er hatte die Arbeit schon einmal vergeben, da wußte man noch nicht soviel über dieses Thema. Der damalige Kandidat promovierte jetzt und gab mir seine Arbeit zu lesen. Ich war beeindruckt. So etwas traute ich mir nicht zu. Und dann hatte er nur ein Jahr dazu gebraucht! Und jetzt war die Sache ja dreimal so umfangreich. Aber ich machte mich frisch an die Arbeit, hatte ja auch sonst genug zu tun, und nach einem halben Jahr war ich fertig. Da war ich sehr überrascht, ganz obenauf und wollte feiern.
Später störten mich einige speckige Stellen, da war wohl zuviel Binder drin. Da habe ich dann gefummelt und gefummelt und das Bild schließlich verdorben. Daraufhin habe ich auf der Rückseite ein neues gemacht, aber das hat mir nicht gefallen. Aufgrund der guten Diplomarbeit bekam ich ein Promotionsstipendium. Ich gab alle Ämter auf bis auf eines, brauchte kein Hilfsassistent mehr zu sein, hatte keinen Studienplan mehr, bekam ein Zimmer in der Uni - und fiel in ein tiefes Loch. Ich hatte den Professor gewechselt, Lenzing ging an die neue Universität in Paderborn. Mein Doktorvater Dress war ein Crack, der sollte mir ordentlich Dampf machen. Er hatte in einem Journal eine Vermutung geäußert, die sollte ich beweisen. Ich hatte keine Ahnung von der Sache, keine Idee, wie ich das anpacken sollte. Aber ich hatte ja Zeit. Und die ging ins Land. Wenn ich an diese Zeit denke, sehe ich mich am Fenster stehen, auf den Teutoburger Wald blicken, eine gewaltige Wolke im Kopf, nichts als Nebel, kein klarer Gedanke. Es war schrecklich. Ich verstand es nicht. Was war los? Das erste Jahr ging vorbei. Niemand hatte erwartet, daß ich in einem Jahr fertig werden würde. Ich hatte zwar nichts in Händen, aber keiner fragte danach. Die Verlängerung für das zweite Jahr war reine Formsache. Nun wurde es aber langsam Zeit. Da wurde ich ganz bescheiden und suchte mir ein Beispiel, das klein genug war, daß ich etwas damit machen konnte, aber hoffentlich groß genug, daß ich daran etwas würde lernen können. Und siehe da, in ein paar Wochen konnte ich meinem Doktorvater etwas zeigen. Da erklärte der: Das wars, schreibs auf!" Mein Beispiel konnte so verallgemeinert werden, daß seine Vermutung in einem Spezialfall bewiesen war. Das reichte ihm. Da war ich wieder obenauf. Ich schrieb alles auf in einem äußerst knappen, arroganten Stil, suchte meinen Doktorvater, der war nicht da, es waren Ferien, gab die Arbeit ab, und dachte mir nichts dabei. Als wir uns wieder begegneten: Ich höre, du hast deine Arbeit abgegeben?" Ja, du warst ja nicht da." Bist du verrückt geworden, ohne sie mir zu zeigen? Ich war in unserem Ferienhaus in der Nähe, du hättest bloß die Sekretärin fragen brauchen!" Oh, das tut mir leid. Kannst du nicht einen Blick reinwerfen, die Kommission tagt ja schon bald?" Nein, dazu habe ich jetzt keine Zeit." Es sind ja nur 16 Seiten." Ja, was fällt dir eigentlich ein? Für wen hälst du dich denn? Du mußt mindestens 60 Seiten schreiben!" Au weia. Das war ja nun schlimm. Aber es kam noch viel schlimmer. Er tat mir schließlich den Gefallen, warf einen Blick rein und fand an der entscheidenden Stelle einen Fehler! Ich zog meine Arbeit flugs zurück. Abends besuchte ich Freunde, die mich von meinem Entschluß abbringen wollten: Du bist jetzt überreizt. Du brauchst Ruhe." Aber ich war mir sicher, damit war jetzt Schluß. Am nächsten Morgen ging ich zu meinem Doktorvater und verkündete, die Mathematik sei nichts für mich, ich würde jetzt Lehrer. Er verstand mich auch nicht. Also Professor müßte ich doch wohl werden. Natürlich sei ich nicht von der Klasse wie er, aber für eine Fachhochschule würde es allemal reichen. Es hatte mich stutzig gemacht, daß ich selbst mir ein Bein gestellt hatte. Das mit der Hybris, das konnte man ja noch verstehen, natürlich konnte ich das alles auf 60 Seiten auswalzen. Aber an der heißen Stelle einen Fehler einbauen - was sollte das denn heißen? Und der Nebel im Kopf! Irgend etwas in mir wollte offensichtlich nicht, daß ich diesen Weg gehe. Ich hatte sowieso nicht gewußt, was ich werden sollte, Mathematik war eine Verlegenheitswahl, einen Mathepauker traute ich mir zu, das glaubte ich beurteilen zu können. Also wollte ich jetzt diesen Weg mal probieren. Ich saß damals noch im Gründungsausschuß des Instituts für Didaktik der Mathematik, zwei der dort zu berufenden Professoren hatten mir eine Assistentenstelle angeboten, aber ich wollte eine Schule von innen sehen, und zwar von der anderen Seite des Pults. Vorerst hatte ich die Nase voll von der Mathematik, die Referendarausbildung hatte schon begonnen, aber wegen der Sommerferien brauchte ich erst in 8 Wochen anfangen. |
||||
© 1998-2009 · Werner Popken · +49-5744-511 574 | ||