Memoirs: Selling
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Frau W.
Ich kenne Frau W. nicht. Ihr Mann war ein Kollege in
Hürth, Germanist nach meiner Erinnerung, etwas älter,
wir hatten wenig miteinander zu tun. Aus der Ausstellung in Hürth hat
Frau W. ein großes Bild gekauft, Nr. 176. Das Bild ist eine Grisaille,
verwendet also nur die Farben weiß und schwarz und die Mischtöne,
also Grau. Es ist eine rätselhafte Szene, man weiß nicht, ist
es eine Trauer- oder eine Hochzeitsfeier. Die Wirkung ist sehr stark. Ich
habe noch nicht viel über das Bild nachgedacht, aber ich mag es sehr.
Es hat auch eine Rückseite, Nr. 172, die ich auch sehr schön finde.
Ich glaube, als ich dieses Bild gemalt habe, da ist mir die Ahnung gekommen,
daß ich auf dieser Welt nur eines tun sollte, nämlich solche Bilder
malen. Frau W. mochte dieses Bild nun gar nicht. Da dachte ich, ich könnte
die Rückseite ja auch ablösen, denn bezahlt wird ja ohnehin nur
die Vorderseite. Aber das ist mir nicht gelungen. Ich habe mit einem kleinen
Bild Versuche angestellt mit dem Resultat, daß das Bild wohl verloren
ist. Da habe ich es aufgegeben.
Möglicherweise habe ich 172 dabei beschädigt,
ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe immer davon geträumt, daß
ich es mir leisten kann, Frau W. die Rückseite abzukaufen und sie
fachgerecht ablösen und restaurieren zu lassen. Ich hoffe da sehr auf
die Künste der Restauratorenzunft, denn ich höre, daß die
wahre Zauberer sind. Da werden sie wohl auch meine Bilder retten können.
Aber bisher konnte ich diese Hoffnungen nicht wahr werden lassen.
Stephan
S.-W.
Ich weiß noch, wie ich das Bild ausgeliefert habe. Stephan S.-W. hat
mir dabei geholfen, es ist ja ein großer Schinken und sehr schwer,
weil es auf Hartfaser ist. Ich hatte einen alten Pferdeanhänger gekauft,
der mir viele gute Dienste geleistet hat. Die ganze Dürener Ausstellung
habe ich in einem Rutsch damit transportiert. Erst in diesem Jahr habe ich
ihn verkauft, er war völlig rott. Jetzt baut ihn sich ein anderer wieder
auf. S.-W. also faßte mit an, ich kannte ihn vom WDR / Mosaik her,
er ist Kunsthistoriker und hat seine Arbeit über Magritte geschrieben,
der ja durchaus rätselhaft ist. S.-W. schrieb für Magazine und
berichtete im Rundfunk, aber er hielt nicht viel davon: Das versendet
sich!"
Einmal hat er mir einen Brief geschrieben: He joe! Hier also das Ergebnis
meiner (verzweifelten) Bemühungen. Ich hoffe, Du bist nicht
enttäuscht, daß aus soviel Denken, aus soviel Versuchen nur so
wenige Seiten resultierten. Aber mit Deiner Malerei ist es ja wie verhext:
je mehr man sich in sie vertieft, umso mehr entzieht sie sich der verbalen
Darstellung. Jetzt fällt mir kaum noch etwas ein. ..."
Er hat dann die Abfolge der Bilder betrachtet, ich datiere sie ja genau,
das fand ich sehr interessant. Dazu hat er sich ein Diagramm konstruiert,
um die Beziehungen zu verfolgen. Eben schaue ich auf der segensreichen D-Info
nach: S.-W.s gibt es nicht so viele in Deutschland, mit S nur einen, und
der hat einen Doktor, ist Hochschullehrer und lebt in Hamburg. Wie schön!
Das muß er sein! Da schicke ich ihm mal nette Post!
Dr. K.
Als ich nach Löhne zog, hatte ich mir eine Verletzung zugezogen.
Ausgerechnet am Sonntag halte ich es nicht mehr aus und muß den Notarzt
aufsuchen. Keine Sprechstundenhilfe, also muß der Doktor die Karteikarte
selbst ausfüllen. Beruf? Maler. Ach, das ist ja interessant. Das Ende
vom Lied: Bild 286 (Abb. nächste Seite) wird an die Wand gehängt
.. und gekauft. Ich hatte das Gefühl, Herr und Frau Dr. K. schluckten,
als ich den Preis nannte. Na ja, also jetzt wollten sie auch nicht kneifen,
also gut.
Ein paar Jahre später ist ein alter Jugendfreund mit seiner Frau zu
Besuch. Er möchte auch etwas kaufen. Wir blättern im Katalog. Sie
finden ein Bild, das sie haben möchten: 286. Dies und kein anderes.
Leider, leider gehört das Bild nicht mir, sondern Dr. K. und seiner
Frau. Aber das ist doch kein Problem, haben die nicht seinerzeit sowieso
geschluckt, als sie es erworben haben? Vielleicht sind sie heilfroh, daß
sie ihr Geld wiederkriegen, ich rufe da mal an. Ich bringe mein Anliegen
vor, ich weiß nicht mehr, mit wem ich gesprochen habe, aber nach einer
kurzen Überraschungspause kam ohne Zögern: Nein, wir verkaufen
das Bild nicht. Tut uns leid."
Die
Rechtsanwälte
Gerd und Sabine haben wir beim
Babyschwimmen kennengelernt. Alle waren auf ihr Baby fixiert, kein Kontakt
unter den Erwachsenen. Schließlich mit Gerd und Sabine. Sie haben auch
zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, wir sind seither regelmäßig
im Sommer nach Ameland zu einer Bäuerin gefahren. Die
Kinder haben dort reiten gelernt. Gerd hat Karriere gemacht, aber er hat
immer noch jeden Tag mindestens fünf neue Geschäftsideen. Damals
war er arbeitslos und depressiv. Es war eine schlimme Zeit. Er hat sich selbst
aus dem Sumpf gezogen. Und ich hatte ja auch ein Problem, er die passende
Geschäftsidee: Wir machen ein Mailing-Unternehmen. Wir bieten Ärzten
an, ein Bild für drei Monate zur Probe zu hängen. Wenn es dann
da bleiben soll, würden wir es verkaufen. An sich nicht so schlecht,
aber das scheiterte schon daran, daß man nicht nachtelefonieren kann.
Einen Arzt kriegt man nicht ans Telefon.
Aber dann machte er mit zwei anderen den
alternativen Stadtplan Bielefeld, der wurde ein voller Erfolg.
Also nachsetzen. Aber der Alternative im Bunde wollte nicht. So ein Mist.
Gerd, nicht faul, entwickelt mit einem anderen ein ähnliches Konzept.
Der wiederum sieht in Gerds Büro Bilder von mir. Und da er ein Werbemagazin
hat, braucht er immer Redaktionelles. Er fragt an, ob er mal über mich
schreiben darf. Darf er. Ob er seine Rechtsanwältin mitbringen darf,
die interessiert sich für Kunst. Darf er auch.
Die hat ihr Richteramt gerade aufgegeben und ist in die
Kanzlei ihres Mannes eingetreten. Dafür ist umgebaut worden. Man feiert
Einweihung. Ob ich nicht Bilder hängen will? Will ich. Ich komme mit
meinem Pferdeanhänger, schleppe die Bilder rein, verteile auf dem Boden
an der Wand, da geht der Sozius zum Mann meiner Anwältin und sagt:
Was will der hier? Aber nicht in meinem Zimmer!" Nach vielen Wochen
halte ich einen Vortrag mit Dias, dann baue ich ab. Vorher geht besagter
Sozius wieder einmal zu seinem Kollegen und sagt: Hör mal, der
kommt doch irgendwann und will die Bilder wieder abholen. Wenn der kommt,
dann schmeißen wir den raus!" Er hat ein Bild gekauft (Nr. 223). Und
die Eheleute auch (Nr. 227). Ja, so war das.
Und als ich mich EDV-mäßig umtat, waren die meine ersten Kunden.
Treue Kunden über viele Jahre. So bin ich überhaupt dazu gekommen,
ein Systemhaus für Rechtsanwälte zu gründen.
Und selbst zum Schluß: Aus steuertechnischen Gründen hatte ich
die Bilder, die im Büro an den Wänden hingen, an die Firma verkauft.
Als ich Konkurs anmelden mußte, hat sich der
Konkursverwalter sofort für die Bilder interessiert. Da
haben die Anwälte mir angeboten, die für mich da rauszukaufen.
Ich war sehr gerührt. Gott sei Dank war das nicht nötig. |