Memoirs: Inner Life

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Kunst

Ich blätterte gerade ein Buch eines Kollegen durch, Wolfram Odin, der Mitte der Achtziger in Löhne anfing und dann nach Berlin gegangen ist. Absolut professionell. Moderne Kunst. Strikte Avantgarde. Installation. Performance. Grenzüberschreitung. Jeder Museumsmann kann sich damit gut bei seinen Kollegen sehen lassen. Ich staune. Fühle mich fremd. Bin aber nicht neidisch. Das ist nicht mein Ding. Ich bin konservativ. Das fängt schon bei der Technik an. Ölfarben selbst angerührt, mit Pinsel gemalt auf Leinwand selbst aufgezogen. Einfache Gemälde für die Wand über dem Sofa.

Ich male Bilder, auf denen man was sehen kann. Ich will wenigstens das Gefühl haben, daß man die Bilder verstehen könnte. Aber schon zögere ich ... Bin ich denn frei, zu malen was ich will? Will ich überhaupt „etwas" malen? Kann ich überhaupt etwas malen? Nein, die Antwort ist: Nein. Was immer ich gemacht habe, wenn es gut war, war es mir auch neu und fern, kam von weit her, war Geschenk.

Der berühmte Kollege Baselitz hat einmal gesagt, Talent sei nicht wichtig, der unbedingte Wille zum Erfolg sei wichtig. Wie fremd mir das ist. Natürlich sehne ich mich auch nach Erfolg und Anerkennung, wer nicht? Aber mein Erleben ist anders. Ohne Talent geht es schon gar nicht, aber das Wichtigste ist Demut. Das Schöpferische ist ein Geheimnis wie das Leben.

Ahnen

Je älter ich werde, desto mehr werde ich mir meiner Vorfahren bewußt. Die Väter meiner Malerei sind Rembrandt, Picasso und Beckmann. Zu denen kehre ich immer wieder zurück, mit denen habe ich was zu tun. Mein Verhältnis zu Picasso ist eher oberflächlich, er war halt der große Zauberer, an ihm kommt keiner vorbei. Aber letztlich halte ich ihn für einen Gescheiterten. Rembrandt und Beckmann sind die Vollendeten, die Lehrer.

Ich stehe mit Stolz zu meinen künstlerischen Ahnen und streite nicht ab, daß man das zuweilen auch deutlich sieht. So what? Ich kann auf Anhieb 5 oder 10 Ahnen Picassos aufzählen, die man in seinen Bildern deutlich sieht. Als Kind sprach ich Hannoveranisch, in Berlin fing ich an zu Berlinern, in Köln flog mich das Kölsche an, heute hört man das Ostwestfälische. So ist das, wir stehen auf den Schultern von Millionen Vorfahren, ohne die wir nichts wären. Und bauen ein wenig weiter für unsere Nachkommen.

Als das Windows-Netzwerk aufkam, haben unsere Computer statt Nummern Namen gekriegt. Da wir oft mehr Rechner als Leute hatten, wurde kräftig erfunden. Mein bester Mann hat z.B. unseren Server Jake genannt, und als der einen backup-Server kriegte, da hieß der selbstverständlich Elwood. Oder ein Booksize-Rechner, der wurde von ihm Bonsai getauft. Sehr schön!

Als ich dann mal benamsen mußte, kamen Joe Chef, Rem Brandt, Max Beck und Paul Pic zu Ehren, in dieser Reihenfolge. Auf Rem Brandt schreibe ich gerade diese Zeilen. Als ich vor drei Jahren die Computermusik entdeckte, ging es so los: Programm starten. Datei / Neu. Jazzquartet. Besetzung: Joe Chef, ts / Paul Pic, p / Rem Brandt, b / Max Beck, dr. Die Gruppe habe ich SBG (Sound Blaster's Group) genannt. Mir gefällt die Musik sehr gut, die diese vier machen. Sonst hört sie keiner, aber das macht nichts. Ich höre sie immer wieder und mit wachsender Begeisterung. Ein echter Fan.

Aber auch die leiblichen Vorfahren werden mir zunehmend wichtig. Meine Mutter ist im letzten Jahr gestorben. Sie war als Schneiderin immer die Kreative in der Familie. Schnittmusterbogen brauchte sie nicht, sie schnitt frei. Meinen Vater habe ich in diesem Text oft erwähnt. Vor langer Zeit wurde mir klar: Ich bin ein Mischling.

Mein Großvater väterlicherseits stammt aus Sachsen, meine Großmutter aus Dänemark. Sie hat in ihrer Jugend Dänisch gesprochen, ihre Eltern sprachen Dänisch, mein Vater sprach in seiner Jugend Dänisch. Erst jetzt habe ich das herausgefunden. Mein Urgroßvater väterlicherseits war laut Urkunde Waldarbeiter und Hausbesitzer, viel mehr ist nicht bekannt. Mein Großvater ist Schweizerdegen geworden, d.h. Buchdrucker und Setzer mit beiden Gesellenprüfungen. Er hat sein Leben lang bei Zeitungen gearbeitet. Mein Vater war auch Buchdrucker. Er heißt nach seinem Vater und nach seinem Großvater Johann Alfred. Ich habe meinen Vornamen von meiner Mutter bekommen, die eines Jugendfreundes gedachte (hinter diesem Satz verbirgt sich ein Familiendrama).

Meine Mutter kommt aus dem Sudetenland, die Eltern stammen aus bäuerlichen Familien. Aber dort war es um die Jahrhundertwende schon schwierig, sich als Bergbauern zu ernähren. Mein Großvater hat Schuster gelernt und war noch auf Wanderschaft, er hat mir davon erzählt. Aber bald wurden die Schuhe in Fabriken hergestellt und es blieb nur noch die Flickschusterei. Er hat sein Leben lang einen Bauernhof gehabt mit Kühen, die auch den Wagen ziehen mußten und pflügen und sehr gepflegt wurden. Das Geld hat er unter Tage im Kohlenbergbau verdient und sich dabei eine Staublunge geholt. Er ist trotzdem sehr alt geworden. Auch er schon ein Mann mit ausgeprägter Bastelbiografie. Ich mochte ihn sehr gern.

Im letzten Jahr habe ich Hellinger entdeckt und in diesem Jahr ist mir viel über meine Herkunft und Verstrickung aufgegangen. Ein Lösungssatz lautet: „Liebe Eltern! Ich nehme gern von Euch, was Ihr mir gegeben habt, und danke Euch dafür. Ich mache etwas Neues daraus!"

Opfer

Anfang Dezember 85 fand ich heraus, daß das mit der Ausstellungsserie nichts werden würde. Zu Weihnachten gestand meine Mutter, daß sie an Krebs erkrankt ist und am 4. Januar eine Brust amputiert wird. Am 6. Januar erlitt mein Vater einen Gehirnschlag und kämpfte drei Monate mit dem Tod. Mitte März war klar, daß die Ausstellung bei Hergeröder ein Flop war. Im Sommer meinte ich mir überlegen zu müssen, wie es weitergehen sollte. Ich entschied, mit der Kunst vorübergehend aufzuhören und hielt das für vernünftig.

Heute beginne ich zu verstehen, was damals vielleicht wirklich passiert ist. Hellinger arbeitet viel mit Schwerkranken, aber wenn man seine Bücher liest, ist man verblüfft, wieviel Drama und schweres Leid in „normalen" Familien verborgen ist. Ich habe ein Seminar mitgemacht, in dem etwa 20 Familien aufgestellt worden sind, und es war dort genauso wie in den Büchern. Die Mechanismen sind überall gleich.

Ein Phänomen, das Hellinger stets gefunden hat, besagt, daß Kinder ihre Eltern bedingungslos und über alles lieben. Wenn ein Kind seine Eltern niedermacht, sei es in Therapie oder in Gedanken, dann bestraft es sich später schwer dafür.

Ein anderes Phänomen: Wenn ein Elternteil schwer krank ist oder aus dem Leben scheiden will, dann sagt ein Kind: „Lieber ich als Du." Aus Liebe. Hier muß ich z.B. ganz bitter weinen. Es wird etwas in mir angerührt.

Alle diese Vorgänge sind vollkommen unbewußt. Wenn z.B. einer ausgegrenzt wird aus der Familie, dann muß ihn ein anderer vertreten, ohne daß er es weiß. Der lebt dann ein fremdes Leben. Man kann sich vorstellen, was das für Verwicklungen gibt. Hellinger nennt das Verstrickung. In seiner Therapie ist nichts mit Schuldzuweisung getan. Er heilt mit Liebe.

Hellinger sagt auch: „Leiden ist leichter als Lösen." Hier muß ich wieder weinen. Das meint, die Leidenssituation stabilisiert auch und hält schuldfrei. Wenn es einem besser geht als seinen Eltern, fühlt der sich schuldig. Wenn er sich löst, stellen sich Schuldgefühle ein. Da bleibt er lieber und leidet.

Wenn ein Kind für ein Elternteil etwas übernimmt, ist dem Elternteil dadurch natürlich überhaupt nicht geholfen. Die Eltern leben ihr eigenes Leben. Aber der Vorgang läuft unbewußt ab, er entspricht einer magischen Vorstellung. Das Kind will durch Magie das Schicksal beeinflussen. Beim Schreiben dieses Beitrags wurde mir deutlich, daß ich vermutlich in dieser Situation, wo beide Eltern zu sterben drohten, ein Opfer gebracht habe. Ich habe den Künstler geopfert, damit meine Eltern leben können.

Ich habe damals wildfremde Leute angerufen und ihnen etwas angeboten, was sie nicht haben wollten, nämlich EDV. Ich habe EDV verkauft. Genauso hätte ich meine eigenen Arbeiten verkaufen können. Natürlich war es vermutlich leichter, im Falle der EDV eine Zurückweisung zu ertragen, aber dafür habe ich mich selbst geopfert, das erklärt also nichts. So wäre das Ganze besser verständlich: Indem ich mich selbst verwirklichen will, erhebe ich den Anspruch, daß es mir besser geht als den Eltern (was die ja angeblich immer wollen). Gleichzeitig erlebe ich das als große Schuld, zucke zurück und wähle das Leiden. Und im Falle der dramatischen Krankheit sage ich: „Lieber ich als du." Nur so wird der Verzicht verständlich (vergl. auch Rede Lemgo). Ich habe so gut wie nicht mehr gemalt, auch nicht nebenbei.

Nr. 192, Gemälde, DM 7.800,-Jetzt, wo ich alles nochmal überlese und überdenke, fällt mir auf, wie wichtig es mir in den Jahren der EDV war, meinen Eltern zu zeigen, daß ich mein Leben meistere in einem Sinn, den sie vielleicht annehmen können. Vor allem: Ich verdiene gut. Und ich mache etwas, das allgemein akzeptiert ist. Und beides haben beide mir nicht abnehmen wollen. Es machte mich verrückt. Es ist verrückt. Meine Mutter wollte sich immer Sorgen machen um mich. Und mein Vater hat immer geunkt und Schlechtes herbeigeredet. Das Opfer wurde noch nicht einmal angenommen.

Wie denn auch. Als Unternehmer habe ich mich ebenso von ihnen entfernt. Ich meinte, wegen meines Alters und der fehlenden Karriere keine andere Wahl zu haben. Als Unternehmer lebte ich mindestens so unsicher wie ein Künstler. Außerdem war ich ebenso wie der Künstler in Grenzen mein eigener Herr, konnte z.B. Tag und Nacht, Alltag wie Wochenende arbeiten bis zum Umfallen. Was ich auch getan habe. Auch ein Versuch zur Magie. Es nützte ebenfalls nichts. Für meinen Vater hätte ich Studienrat in der Nachbarstadt sein sollen. Beamter auf Lebenszeit, Häusle bauen. Damit hätte er leben können.

Meine Mutter hat den Krebs überlebt, die Therapie ist angeschlagen. Sie hat all die Jahre meinen Vater gepflegt, der linksseitig gelähmt ist, bis sie selbst einen Schlaganfall bekam. Mein Vater ist seit dem Tode seiner Frau duldsamer geworden. Und ich habe es wie im Falle der Dissertation fertiggebracht, den Karren, auf dem ich saß, voll gegen die Wand laufen zu lassen. Ich konnte richtig zusehen, die Parallelen waren überdeutlich.

EDV

Um mir selbst den Verzicht zu verkaufen, hatte ich mir das so zurecht gelegt: Um meine Kunst besser zu verkaufen, bin ich zu schwach. Also muß ich etwas anderes verkaufen. Das klingt nicht logisch, aber es diente dem Zweck, etwas bürgerlich Anständiges machen zu können. Ich habe mich da ja auch voll reingeschmissen und meinen Erfolg gehabt.

Das Risiko war viel höher als zu Zeiten der Kunst, Anfang der Neunziger hatte ich 13 Angestellte, die alle ihre Familien ernähren mußten. Jedes Jahr haben wir viermal Pleite gemacht und jedes Jahr haben wir es wieder geschafft und einen kleinen Gewinn erzielt. Ein irrsinniger Streß. Auffällig war, daß wir nie abheben konnten. Wenn ich es recht bedenke, ging es aber den Kollegen, die dieselbe EDV machten, mehr oder weniger genauso. Da gäbe es auch viele Geschichten zu erzählen.

Schließlich wurde es regelrecht ungemütlich. Da haben wir untersucht, ob wir eine eigene Software entwickeln können. Dazu habe ich dann schließlich eine neue Firma gegründet, die ich mit Risikokapital finanzieren wollte. Das ließ sich aber nicht realisieren, so habe ich schließlich mit Hilfe meines Vaters mein Erbe vorzeitig bekommen und da reingesteckt.

Das Ende vom Lied war, daß wir mit dem zeitlichen Rahmen nicht hingekommen sind. Damit war das Geld alle, die laufenden Kosten betrugen für beide Firmen 40.000 DM im Monat, das war nicht lange durchzuhalten.

So bin ich mit der Nase wieder auf die Malerei gestoßen. Alle redeten mir zu, doch weiter EDV zu machen oder mich auf Stellen zu bewerben, was ich auch gemacht habe. Aber als Personalchef würde ich mich selbst ja auch nicht einstellen. Nicht nur wegen Überqualifikation. No chance. Für mich war das klar. Jetzt bin ich wieder Maler.

Gott sei Dank bin ich die EDV jetzt los. Es war zwar teuer und schmerzhaft, aber es ging wohl nicht anders. Es war ein Versuch, die Welt zu programmieren. Mich selbst eingeschlossen. Wenn ich geträumt habe, und vor allem in den vielen Krisenzeiten habe ich Träume erinnert, dann habe ich programmiert, verzweifelt versucht, das Leben in den Griff zu bekommen. Es mußte scheitern.

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