Memoirs: Beginning

Index

Deutsch

Plan

Memoirs: Painter

Memoirs: World-Outlook
not translated yet


Don Juan

Ich hatte genug vom Trennungsschmerz, ich sah die Lehrerschwemme heranrollen, ich hatte ohnehin oft mehr als die Hälfte der Stundenzahl gegeben, ich dachte mir: Du nimmst jetzt eine ganze Stelle, die paar Stunden machst du auch noch, dann kann dir nichts passieren. Aber vor allem wunderte mich eins: Dienstags hatte ich 6 Stunden, die meisten Kollegen waren dann völlig fertig und hielten erst einmal Mittagsschlaf, ich ruhte mich nur ein bißchen aus, trank Tee und fing an zu malen bis 22, 23 Uhr, und zwar sehr gut.

Am nächsten Tag schlief ich aus, ich hatte keine Schule. Na ja, irgendwie kam ich nicht richtig in die Gänge, alles was ich anfing, konnte ich wieder wegmachen, ich war nicht gut drauf. Abends schließlich konnte ich es nicht länger vor mir herschieben und mußte mich für den nächsten Tag vorbereiten. Ich ärgerte mich. Das war doch mein freier Tag gewesen! Wenn ich nun in die Schule gegangen wäre, hätten mich die Kinder schon wach gemacht, und nachmittags hätte ich dann wieder gut malen können. Oder?

NRW wollte mich nicht haben als Ein-Fach-Lehrer, mein Angebot, Kunst oder Physik als zweites Fach nachzuholen, nützte nichts: Ich hatte die Prüfung ja noch nicht. Niedersachsen sah die Sache nicht so eng, bot mir eine Stelle in Norden / Ostfriesland an. Wieso nicht? Ich war damals sehr in den Gedankengängen von Don Juan / Carlos Castañeda und versuchte, mich unsichtbar zu machen und alle Spuren zu verwischen. Das klappte auch ganz gut. Viele Leute haben Jahre gebraucht, um mich zu finden.

Ich vernichtete damals Vieles, z.B. meine Korrespondenz, u.a. den erwähnten Brief von Dress. Meine Bücher gab ich weg an die Stadtbibliothek, für einige bekam ich sogar etwas. Später habe ich das sehr bereut und versucht, wieder an die Bücher heranzukommen. Teilweise ist mir das gelungen, aber es waren Bücher dabei, die vergriffen sind und im Antiquariat nicht gehandelt werden, die endgültig verloren sind. Aber ich wollte und mußte von meinem Zustand weg, ich wußte mir keinen anderen Rat. Es hat natürlich nichts genützt. Zwei Jahre später erst habe ich dann Abschied nehmen können von Erika, da war es gut.

Don Juan: Das erste Mal hörte ich von ihm bei einem Mathematikerfreund, dessen Freundin mit ihren Blumen redete. Ich hatte meiner Mutter auch das Buch über das geheime Leben der Pflanzen geschenkt, weil sie zu Pflanzen immer ein besonderes Verhältnis hatte, ich kannte also die Thesen. Aber sie arbeitete damit, mit großem Erfolg. Nun schimpfte sie schon mit einem Kaktus, weil der sich völlig in der Blüte verausgabte. So kamen wir auf Castañeda. Ich nahm Band 1 und 2 mit, las 1 ganz, fand es ätzend, überflog 2, und gab es zurück. Das war nichts für mich.

Als mein Doktorvater aus Amerika zurück war, schwärmte er mir von Princeton vor und von den neuesten Erkenntnissen der Gehirnphysiologie und von Don Juan. Ich gab zu, ihn auch zu kennen, aber nichts damit anfangen zu können. Er fragte darauf, was ich denn gelesen hätte. Das sei ja auch noch nichts, da habe er es selbst nicht verstanden, ich müsse mal 3 und 4 lesen, 3 könne ich gleich mitnehmen, 4 lese gerade seine Frau. Band 3 habe ich in der folgenden Nacht verschlungen, 4 sobald als möglich.

Eines Sonntags klingelt es, ich öffne die Tür, das steht mein Doktorvater mit seiner Frau vor der Tür, sie haben einen Spaziergang von Bielefeld über den Teutoburger Wald bis Quelle gemacht, wo wir wohnten. Ich setzte einen Tee auf, wir flezten uns in die selbstgemachten Sitzsäcke, auf die ich so stolz war, und ich schoß mit meiner Frage los: „Wie soll ich das denn verstehen?" Was denn genau, bitte. Na z.B. die Szene im Reisebüro in Mexiko, wo Castañeda von Don Juan in eine Tür reingeschubst wird und durch die andere Tür raustaumelt und dann auf einem Platz ist, der mehrere Kilometer von diesem Reisebüro entfernt ist.

Und man stelle sich mein Erstaunen vor: Dieser Mann, der von Kollegen für ein Genie gehalten wird, ein Urteil, das ich mir natürlich überhaupt nicht anmaßen kann, erklärt mir, daß er das wortwörtlich nimmt! Das konnte ich nicht akzeptieren. Da erklärt er mir geduldig, indem er über den Flokati streicht, wie aufgebracht sein Sohn neulich war, als der Physiklehrer die Sache mit den Atomen und den Elektronen und den Kernen erklärt hat und zur Veranschaulichung das Beispiel mit der Tonne Eisen gebracht hat, daß die Kerne von dem Eisen ohne die Elektronen in eine Streichholzschachtel passen würden und die wäre dann eine Tonne schwer.

Das mit dem Atommodell würde ich dem Physiker doch unbesehen abkaufen. Das wäre doch auch nur ein Modell, das bestimmte Erfahrungen beschreiben würde. Und die Erfahrung des Streichelns über den Flokati hätte doch nichts mit dem zu tun, was die Physiker über den Flokati sagen würden, die mit ihren Elektronen usw. Ich konnte natürlich immer nur zustimmen. Er würde das erst einmal so hinnehmen, er hielte das für wahrscheinlich, daß die Welt auch ganz anders wahrnehmbar wäre, daß ganz andere Erfahrungen möglich wären, die ebenso gut durch entsprechende Modelle erklärbar sind. Und ein solches System werde hier eben beschrieben.

Das gab mir zu denken, schließlich war das ja nicht irgendwer, der mir das erzählte. Das war einer der vielen Einflüsse, die mein Weltbild ganz allmählich änderten. Dazu gehörten aber nicht nur Lektüre und intellektuelle Anstrengungen, sondern auch Erfahrungen. Don Juan hatte erklärt, daß die Erwartungen der anderen einen fesselten. Das leuchtete mir ein. So suchte ich mich unsichtbar zu machen. Einmal habe ich mich selbst gezeigt, und das war eins der vielen Erlebnisse, die mir die Rätselhaftigkeit des Daseins vor Augen führten, denen ich einen Sinn nicht absprechen konnte. Das ging so:

Kurz bevor ich nach Norden ging, lernte ich meine spätere Frau Elke kennen. Von Ostfriesland aus habe ich sie dann oft in Ostwestfalen besucht. Einmal fuhr ich auf dem Parkplatz eines Supermarkts eine Ente an, leichter Blechschaden, peinlich. Ich also wieder rein, Kennzeichen ausrufen lassen, warten. Keiner meldet sich. Plötzlich läuft mir eine Freundin, Lilo, über den Weg. Oh, das wollte ich doch gar nicht, ich war doch unsichtbar! So ein Pech! Und es war ihre Ente! Ausgerechnet ihr Auto mußte ich anfahren! So wurde ich also durch eigenes Tun wieder sichtbar. Lilo hatte übrigens die Durchsage gar nicht gehört und kannte auch ihr Kennzeichen nicht. Sie hat leider ihrem Leben vor vielen Jahren ein Ende gesetzt. Kurz vorher hat sie uns noch besucht. Ich denke oft an sie.

Das mit dem unsichtbar machen, fällt mir jetzt auf, habe ich natürlich nicht verstanden. Nicht die Erwartungen meiner Freunde engten mich ein. Die Erwartungen und Bindungen meiner Eltern fesselten mich und tun dies noch immer, denen gegenüber habe ich mich aber nicht unsichtbar gemacht. Nach Hellinger (s. weiter unten) kann man das auch gar nicht (der kennt und schätzt Don Juan aber auch).

Weltbild

Aber vorher war schon viel passiert, was mein Weltbild gehörig erschütterte. Als es rauskam, daß Erika mich betrog, hüteten wir gerade Engelbrechts Haus. Ich hatte es gespürt, was mich wunderte. Wir waren zunächst ratlos und beschlossen, daß ich sie in unsere Wohnung bringe und das Haus alleine weiterhüte. Auf dieser Fahrt ging unser Auto kaputt, der blaue Käfer, den meine Eltern mir inzwischen geschenkt hatten. Auch das noch! Die Werkstatt erklärte mir das, irgendein Lager oder so was, jedenfalls wäre es besser, gleich beide Seiten machen zu lassen. War natürlich teurer, aber billiger als beide einzeln. Ich wollte lieber nur eine Seite, wer weiß, was jetzt auf uns zukam.

Als sie dann auszog und ich sie wegbrachte, ging auf der Fahrt das Auto wieder kaputt. Ich wutentbrannt in die Werkstatt, die hätten Murks gemacht. Der ganz cool, er habe ja gleich prophezeit, daß die andere Seite auch dran wäre. Aber keine Bange, ich könne lange damit fahren, das mache eben nur den höllischen Lärm, das würde auch immer lauter, und wenn ich es nicht mehr aushalten könne, wäre immer noch Zeit. Die Kugeln da drin seien zerbrochen, da könne sonst weiter nichts kaputtgehen.

Da bin ich weiter so gefahren. Der Krach hörte auf. Ein halbes Jahr später fuhr ich in den Harz, eine Woche Landschulheim. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, ich kannte mich, ich hatte bereits jetzt ein bißchen Ärger mit meinem Schulleiter, ich ging zu unkonventionell mit meinen Schülern um. Was würde ich jetzt anzetteln? Da fing das Auto an, den bekannten Krach zu machen. Aha. Was ist das denn? Gleich am ersten Abend brach ich mir den Arm. Da war ich etwas behindert.

Immerhin initiierte ich ein Stegreifstück, was wir über die Woche entwickelten, daß mir selber Angst und Bange wurde, so hart ging das ans Eingemachte. Der Plot war gleich in 5 Minuten da: Wir machen was wie im Fernsehen, Eltern, Sohn und Tochter, Vater hat eine Freundin. Ich darauf: „Weiß die Mutter das?" Nein. „Erfährt sie es?" Ja. „Wie?" Er sagt es ihr. „Wann?" Beim Fernsehen. „Ok, damit fangen wir an. Wer ist der Vater?"

Als ich nach ein paar Tagen mal rumfragte, ob das den Schülern nicht zu sehr an die Substanz ginge, mir ging es nämlich an die Substanz, da antworteten die: „Nee, das ist doch nur ein Spiel! Jetzt gibt es Mittagessen." Dabei war doch der Ansatz der Schüler gewesen, daß man beim Fernsehen immer aus drei Meilen erkennen konnte, daß das nicht echt war!

Auf der Rückfahrt war das Auto wieder in Ordnung. Es ist dann nochmal kaputt- und wieder heilgegangen, wieder ein dreiviertel Jahr später. Meine Mutter sah mich leiden und schlug vor, mit meinem Bruder mit dem Zelt in Urlaub zu fahren. Er stand kurz vor dem Abitur, war noch heiß aufs Fahren, fuhr also. Wohin? Nach Norden erstmal. Um Hamburg ein furchtbares Gewitter, da geht das Auto kaputt. Kenn ich ja schon, gaa nich um kümmern.

Wir brauchen dann einen Campingplatz. Wir landen auf dem, wo ich schon mit Erika war. Ausgerechnet! Es gibt doch genug! Das Zelt war nagelneu, weil das alte schon morsch war. Morgens um vier wachen wir auf, wir liegen im Nassen, das Zelt ist undicht. So ein Mist. Mein Bruder: „Sprich mal’n Machtwort! Was machen wir?"

Ich hatte keinen Rat, horchte in mich hinein. Mein Bruder war ungeduldig, mahnte mich dauernd. Ich wußte schon, hier hilft kein Machtwort, hier spielt das Leben mit uns und nicht umgekehrt. Ich versuchte durch Fühlen herauszufinden, was das Richtige in dieser Situation war. Das dauerte so seine Zeit, ein halbe oder ganze Stunde. Wir lagen im Nassen. Dann wußte ich Bescheid. Das hier war nicht gut. Wir fuhren nach Hause, mein Bruder nahm Zelt und Freund und sein eigenes Auto und fuhr wieder los, hatte phantastisches Wetter und einen guten Urlaub. Ich fuhr nach Bielefeld zurück, und noch bevor ich ankam, war das Auto wieder heil. Ich habe es noch ein ganzes Jahr gefahren und dann verkauft, heile!

Erika war zwar ausgezogen, hatte aber noch alle ihre Sachen da. Wenn es ihr paßte, kam sie vorbei, als wenn nichts wäre, kochte sich einen Tee, bügelte - also das ging nicht! Sie gab den Schlüssel ab, zu Beginn der Osterferien schickte ich ihn ihr zu, sie sollte dann alle ihre Sachen abholen. Das Geschirr hatten wir geteilt, sie wollte das weiße, ich das braune. Das war im Hängeschrank, und der hing seit sieben Jahren an der Wand. Wenn Manöver war und die Panzer ums Haus kurvten, hatte zwar alles gezittert, aber mehr nicht. Als sie in die Wohnung kam, lag der Schrank am Boden, vom Geschirr je die Hälfte zerschlagen. Die Mieterin oben war hochschwanger, immer im Haus, hatte nichts gehört.

Damals war ich so sensibel, ich wußte, gleich kommt einer, setzte den Tee auf, und wenn der fertig war, dann klingelte es an der Tür. Ich schrieb auch Gedichte. Die flossen einfach nur so raus. Einmal saß ich im Bunker Ulmenwall, einem berühmten und hervorragenden Jazzkeller in Bielefeld. Ich war zu spät gekommen, es war schon alles besetzt, aber ein Platz in der ersten Reihe war noch frei. Ich zog Papier heraus und fing an zu schreiben.

Mein Nachbar: „Biste Journalist?" „Nee, ich schreibe ein Gedicht." Der guckte komisch. Als die Musiker anfingen, hatte ich vier Strophen à vier Zeilen geschrieben. In der Pause nochmal vier, dann bin ich nach Hause gefahren, da kamen nochmal acht. Ich war völlig verblüfft.

Jedes Gedicht hatte eine Form, aber immer anders. Ein Gedicht hatte nur eine Strophe, die ging aber über drei Seiten. Eins hatte einen interessanten Wechsel der Form zwischen den Strophen und in den Metren. Und so weiter. Ich hatte gar keine Ahnung von Gedichten, lese auch selten welche, die meisten gefallen mir nicht. Meine waren natürlich sehr intim und naiv, von Schmerz und Gefühl durchdrungen.

Im Unterschied zu den Bildern ergab sich durch die Gedichte nichts Neues. Das Bekannte wurde nur in eine Form gegossen, so gut konnte ich es sonst nicht sagen. Ganz zufällig war ich darauf gekommen, eigentlich wollte ich eine Kontaktanzeige formulieren, heraus kam ein Gedicht. Ich habe das Manuskript wiedergefunden, ich protokolliere direkt mein Erstaunen. Eins dieser Gedichte, eines der ersten, rücke ich nach den Träumen ein, weil es sich darauf bezieht. Bald war das vorbei.

Frau P.

In Norden erzählte ich einmal im Unterricht beiläufig von diesen Erfahrungen. Ein stilles Mädchen berichtete beim Mittagessen davon, die Mutter sprach mich dann auf dem Elternsprechtag an. Sie hatte jede Menge Erfahrungen, konnte auch Auren sehen und hat sich meine mal angeschaut. Das machte sie allein im stillen Kämmerlein ohne mein Wissen. Sie hat mir auch gesagt, was sie gesehen hat, aber ich kann diese Dinge nicht behalten. Genau wie mit Astrologie oder Musik bei der Harmonielehre, an manchen Stellen habe ich absolute Grenzen, da kann ich nicht mit. Deshalb erstaunt es mich oft, was z.B. meine Frau oder Edith über mich wissen.

Den Mann habe ich auch kennengelernt. Er war absolut nüchtern und hatte mit diesen Dingen nichts zu tun. Inzwischen war er als Schulleiter pensioniert und hatte einen Schlaganfall erlitten, war halbseitig gelähmt. Sein Arzt versuchte mit Akupunktur die Beschwerden zu lindern und suchte einmal verzweifelt nach einem Punkt. Den konnte der Kranke ihm genau zeigen. Aber nur auf der einen Seite. Er konnte es nicht erklären. Er konnte auch seine Gehirnströme beeinflussen. Sein Arzt konnte es nicht glauben. Da haben sie experimentiert. Der Arzt hielt ihn für tot. Es war absolut nichts mehr zu sehen.

Der Sohn und die Tochter haben etwas davon geerbt. Die Tochter hatte ich in der Schule, der Sohn war bei der Polizei. Durch seine Hellseherei hatte er bei der Baader-Meinhof-Fahndung Erfolg. Zum Schutz mußte er umziehen, die Furcht vor Racheakten zerstörte dann seine Beziehung. Im Krieg konnte der Mann der Frau nicht Bescheid geben, wenn er kommen konnte. Das war nicht nötig. Sie wußte es so. Kannte ich das nicht auch? Einmal im Krieg, sie wohnte ganz oben, viele Stufen hoch, hatte schwer zu schleppen, war ungeheuer erschöpft, schwebte sie die Stufen hoch. Das kenne ich nur aus Träumen.

Unfälle

In Norden machte ich dann die Kunst-Prüfung nach und wurde schließlich Ehemann, Vater und Beamter auf Lebenszeit. Und meines Lebens nicht mehr froh. Ich verstand es nicht. In vielen Gesprächen mit Elke haben wir es schließlich herausgefunden. Irgendwie hing das mit dem Malen zusammen. Ich konnte nicht mehr malen. Warum? Ich hatte es mir doch so gut ausgedacht? Und dann wurde klar: Es war ein Denkfehler! Ich hatte nach den 6 Stunden so gut malen können, weil ich am nächsten Tag frei hatte! Und am freien Tag kam ich nicht in die Gänge, weil der nächste Schultag mir im Nacken saß. Und jetzt hatte ich jeden Tag Schule. Schlimmes Dilemma. Was tun?

Damals hatte ich auch einen schweren Unfall. Ebenso wie der Zustand des Autos wurde meine Gesundheit für mich ein Spiegel. Unsere Tochter Merle war geboren, Mutter und Kind fast gestorben. Eine schreckliche Erfahrung, die so schön hatte sein sollen. Aber beide lebten, das Kind lächelte trotz der schlimmen Erfahrungen schon nach einer Woche, und nach einem Vierteljahr war auch die Mutter wieder bereit, weiterzuleben. Elke hatte Anfang der Sommerferien die erste Reise angetreten und mit dem Kind ihre Eltern besucht. Die Zeit hatte ich genutzt und auf dem Rasen des gemieteten Hauses ein Gerüst aufgerichtet und losgegipst. Eine leicht überlebensgroße Schwangere. Ich wollte sie noch auf die Terasse schaffen, da kamen die beiden zurück.

Abends ging ich mit dem Baby auf dem Arm die Treppe hoch, weil die Katze dort verschwunden war. Ich wollte nachschauen, was die macht. Ich sah nichts, kehrte um, und rutschte mit meinen indischen Lederlatschen auf der obersten Stufe aus. Da krümmte ich mich zusammen, um das Kind zu schützen, und ritt die ganze Treppe auf meinem Rückgrat ab, wie der Mediziner sagt. Vor allem tat mir der Hintern weh, ich hüpfte herum, und als der schlimmste Schmerz vorbei war, setzte ich mich in einen Sack, genehmigte mir einen Whisky und machte Schluß für den Tag. Das mit der Terasse hatte Zeit.

Am nächsten Morgen kippte ich auf dem Weg zur Küche um. Ich kroch wieder ins Bett. Nach einer Weile wieder ein Versuch, dasselbe Resultat. Meine Frau rief den Notarzt. Krankenhaus, Röntgen, keine Brüche, nichts zu sehen, aber aufgrund der Symptome Diagnose: Gehirnerschütterung. Mit dem Kopf war ich gar nicht aufgekommen, aber das sollte von der Wirbelsäule herkommen. Therapie: Liegen. Das gefiel mir gar nicht, schon gar nicht in einem Krankenhaus.

Nach ein paar Tagen noch eine Untersuchung, heißt wohl EEG, jedenfalls jede Menge Kontakte am Kopf, bis die das alles dran hatten, kippte ich um. Es ging nicht, ich hielt das nicht durch. Ratlosigkeit. War wohl kein leichter Spaß. Aber ich wollte da weg, und sie konnten mich ja nicht einsperren. Da lag ich dann zuhause die restlichen Sommerferien. Als die Schule wieder anfing, hatte ich jeden Mittag starke Kopfschmerzen. Die Skulptur hatte ich aber dann doch auf die Terasse geschafft. Im Herbst kamen die Stürme, da fiel sie um und in Stücke. Im Frühjahr habe ich sie dann auf den Müll gefahren. Ich mache ja sonst keinerlei Vorarbeiten, aber zu dieser Figur gibt es einige Skizzen, wohl wegen des Gerüsts. Sie wirken ein wenig Rodin-mäßig. Ich habe keine Ahnung, wo sie sein könnten, vielleicht finde ich sie noch.

Später habe ich dann „Krankheit als Weg" von Dethlefsen kennengelernt. Da habe ich das mit den Unfällen besser verstanden. Unfälle waren für mich ein Weg, mich zu stoppen und zur Ruhe zu kommen. Einmal, in den Achtzigern, erinnere ich, daß ich mir Samstags Abends gegen 22 Uhr im Atelier mit der Kreissäge die Fingerkuppe abgesägt habe. Mein erster Gedanke: Mist, jetzt muß ich aufhören! Erst habe ich was zum Verbinden gesucht, ein Zipfel hing noch dran, und die Kuppe wieder angeklebt. Dann bin ich rumgehüpft, um den Schmerz auszuhalten, und habe gedacht, vielleicht geht es gleich wieder. Und dann habe ich eingesehen, jetzt ist wirklich Schluß, jetzt muß ich Feierabend machen.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, wollte ich natürlich gleich wieder ins Atelier. Aber wie wunderte ich mich da, daß ich mich nicht rühren konnte, nur wegen dieser blöden Fingerkuppe. Die pochte und schmerzte bei jeder kleinen Bewegung. Ich mußte still im Sessel hocken und konnte gar nichts tun. Welche Folter! Meine Frau hat dann oft gescherzt: „Mußt du erst wieder einen Unfall machen, bevor du Pause machen kannst?"

Dr. Dorothea Eimert

Aber nun zurück, Norden: ich hatte mein Problem erkannt. Die erste Idee: Ich muß mehr Zeit für mich haben. Bei gleichem Gehalt, denn jetzt hatte ich ja Familie und brauchte das Geld. Ich muß an die Uni, die haben weniger Pflichtstunden. Natürlich in den Kunstbereich. Also muß ich in Kunstgeschichte promovieren. Ich dachte mir schon zwei Themen aus. Als Dr. Eimert das hörte, nannte sie mir gleich zwei Professoren, die diese Themen genommen hätten. Aber da hatte ich längst erkannt, daß mich das Jahre gekostet hätte. Die wollte ich nicht opfern.

Es half nichts, ich mußte wohl auf direkterem Wege ein richtiger Maler werden. Aber die Kohlen, das Geld, wie sollte ich das machen? Zug um Zug, sicher ist sicher. Ich mußte mich zeigen, daher richtete ich ein Farb-Fotolabor ein, primitiv und billig. Mit den selbst entwickelten Farbfotos ging ich los. Inzwischen hatte ich eine Stelle in Hürth und wohnte in Köln. Das war ein gutes Pflaster für Kontakte. Kunstverein, Galerien, Museen. Ich holte mir manche blutige Nase. Keiner sagte es offen, schließlich begriff ich es doch: Selbst wenn man es interessant fand, was ich machte, und einige fanden es interessant, blieb zumindest ein Problem: Ich war ein Maler, der nicht mehr malte. Aber die Erfahrungen waren gut. Ich gab es auf, die Gespräche suchte ich weiterhin.

Im Fernsehen hatte ich einen Bericht über das Museum in Düren gesehen, wir fuhren hin. Es war leer, zufällig begegnete ich der Museumsleiterin in einem der Säle und kam mit ihr ins Gespräch. Wir vereinbarten einen Termin. Ich nahm zwar meine Fotos mit, aber ich fragte sie lange aus nach ihrer Arbeit. Übrigens, Eimert, der Name ist doch nicht so häufig! Ja, der Komponist war ihr Vater. Schließlich wollte sie wissen, was ich so machte. Und dann schmiß sie mich raus. Das Museum war schon geschlossen, sie brachte mich zur Tür, gab mir die Hand und sagte beiläufig: „Ich würde gern eine Ausstellung mit Ihnen machen. Natürlich muß ich mir die Originale ansehen. Ich komme öfters mal nach Köln." Das war ein Hammer!

Es dauerte, aber dann machte sie doch einen Termin und kam. Und sie blieb dabei, sie wollte - aber auch da kam der Einwand: Es müssen neue Arbeiten da sein. Meine Frau litt unter der Kontaktarmut durch das neue Hausfrauen- und Mutter-Dasein, sie wollte wieder in ihren Beruf, ich hatte mich schon nach einer Stelle in Ostwestfalen umgesehen, da brachte die Schulbehörde unsere Pläne durcheinander. Wir waren vor den Kopf gestoßen, da fiel bei Elke der Groschen: „Du willst doch gar kein Lehrer sein! Ich kann doch das Geld verdienen!" Deshalb konnte ich Frau Dr. Eimert glaubhaft versichern, daß bis zur geplanten Ausstellung auch neue Werke entstehen würden.

Nr. 247, Gemälde Eines Tages rief sie mich an, es gab ein Problem. Sie hatte vor, mich mit einer Studentin an der Kunstschule in Wuppertal zu zeigen. Als die davon erfuhr, lehnte sie ab: „Ich stelle doch nicht mit einem Amateur aus!" Sie bot mir eine Einzelausstellung an, allerdings zu einer ungünstigen Zeit. Ich stimmte zu. Meine erste Ausstellung! Und gleich in einem Museum! Das ist eine Tatsache, die mir in den folgenden Jahren immer wieder ungeheuer geholfen hat.

Ich lud zur Eröffnung Musiker ein, die improvisierte Musik spielten (besser hätte man vielleicht Free Jazz gesagt - haben wir uns vielleicht nicht getraut). Das ist auch eine schöne Geschichte. Eines Tages ging ich zum WDR, der Samstags abends Life-Konzerte im dritten Programm als Nachtmusik sendet. Ein Quartett um einen Pianisten war angesagt. Die Musiker kamen auf die Bühne - und ich traue meinen Augen nicht, den Schlagzeuger kenne ich! Es war Jochen Twelker, der in Sennestadt mein Schüler gewesen war. Damals wußte ich nichts über ihn. Nach dem Konzert ging ich zu den Musikern, vielleicht habe ich dabei schon den Termin für die Ausstellung gemacht. Jochen studierte in Münster Kunst. Später habe ich ihn noch einmal getroffen, da stellte er in Bad Oeynhausen in der Galerie der Volkshochschule als Künstler aus. Er lebte inzwischen in Hamburg. Und im Künstler-Verzeichnis der diesjährigen Messe art in Nr. 256, Gemälde, öffentl. Besitz Köln fand ich ihn auch, eine Galerie hat ihn aufgeführt. Während der Eröffnung war ich so aufgedreht, daß ich auf die Musik nicht achten konnte. Ich fand sie schön, hatte aber den Verdacht, daß das Publikum vielleicht nicht so dachte.

Frau Dr. Eimert wollte etwas kaufen. Auch damit hatte ich nicht gerechnet. Das belustigt mich immer wieder, irgendwie gehört Naivität auch zu meinem Wesen. Sie dachte an Nr. 247 (s. oben und Sehe ich recht ...), aber das war zu teuer, da hätte der Kulturausschuß gefragt werden müssen. Arbeiten auf Papier sind billig, aber die wollte sie auch nicht, weil die in der Schublade verschwinden. Sie wollte ein größeres Gemälde, was zwar nicht in die ständige Ausstellung kommen, aber doch bei Gelegenheit mal in Übersichtsausstellungen gezeigt werden sollte. Wieder eine große Ehre! Sie entschied sich für Nr. 256.

Memoirs: Beginning

Index

Deutsch

Plan

Memoirs: Painter