Einleitung Dissertation
Zur additiven und multiplikativen Struktur des äquivarianten
Wittrings
Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrads der Fakultät für Mathematik
an der Universität Bielefeld,
vorgelegt von
Werner Missbach, Bielefeld 1976
Einleitung
Das Ziel dieser Arbeit war es, eine Vermutung von A. Dress über
den Wittring W(KH) der H-äquivarianten Formen einer endlichen Gruppe
über einem formal reellen Körper K zu beweisen. Eine
H-äquivariante Form ist eine symmetrische K-Bilinearform f
auf einem endlich dimensionalen K-Vektorraum V, der zugleich ein KH-Modul
ist, so daß für alle heH und
v,weV gilt:
f(hv,hw) = f(v,w).
Orthogonale Summe und orthogonales Produkt H-äquivarianter Formen
können in naheliegender Weise definiert werden; der Grothendieckring
der Isometrieklassen nicht ausgearteter H-äquivarianter Formen wird
mit U(KH) bezeichnet. Eine H-äquivariante Form heißt
hyperbolisch, wenn es einen Untermodul gibt, der sein eigenes orthogonales
Komplement ist; die hyperbolischen formen erzeugen ein Ideal
in U(KH), dessen Quotient nach diesem Ideal der Wittring W(KH)
heißt.
Setzt man für H die triviale Gruppe, so erhält man die bekannten
Konstruktionen U(K), W(K). Die Klassen H-äquivarianter Formen auf KH-Moduln
mit trivialer H-Operation bilden einen zu W(K) isomorphen Unterring, W(K)
operiert also in natürlicher Weise auf W(KH). A. Pfister
bewies, daß für nicht formal reelle Körper
W(K) eine Torsionsgruppe ist ([9], Satz 16); wegen der Operation von
W(K) auf W(KH) ist dann auch W(KH) eine Torsionsgruppe. Für formal reelle
Körper ist W(K) keine Torsionsgruppe; Pfister zeigte jedoch, daß
Torsionselemente in diesem Fall nilpotent sind ([9], Satz 22). Man kann sich
nun fragen, ob diese Eigenschaft sich ebenfalls auf W(KH)
überträgt.
W(KH) läßt sich als Greenfunktor im
Sinne der Dress'schen Induktionstheorie interpretieren ([4]); im
Rahmen dieser Theorie ist es von großem Interesse zu wissen, daß
Torsionselemente nilpotent sind ([5], Thm.8.2; [4], Prop.5.2).
die Vermutung von A. Dress lautete([3]):
Sei K formal reell, dann sind Torsionselemente in W(KH) nilpotent.
Im ersten Kapitel werden grundlegende Begriffe eingeführt und die Verbindung
der Begriffsbildungen mit denjenigen der Theorie der symmetrischen
K-Bilinearformen und der Theorie der Darstellungen von H über K
herausgestellt. Am Schluß des ersten Kapitels wird ein weiteres
Resultat von A. Pfister übertragen ([9], Satz 10):
Wenn K formalreell ist, so gibt es zu jedem Torsionselement
xeTorW(KH) ein neIN
mit 2nx=0.
Pfisters Überlegungen fußen weitgehend auf der
Diagonalisierbarkeit von K-Bilinearformen; H-äquivariante Formen
lassen sich in dieser Weise nicht diagonalisieren. Auf dem Umweg über
die Morita Theorie läßt sich allerdings dann doch so
etwas wie eine Diagonalisierbarkeit erzielen: Eine nicht
ausgeartete H-äquivariante Form t auf einem Generator W induziert
zueinander inverse Äquivalenzen zwischen der Kategorie
der H-äquivarianten Formen und der Kategorie der
E-hermiteschen Formen über einem Ring E mit Involution. E ist hierbei
der Gegenring zu EndKH(W) mit einer zu t gehörigen Involution.
Wenn nun W ein minimaler Generator ist, zerfällt E in ein Produkt
von Schiefkörpern Ei mit Involution. Jede E-hermitesche
Form zerfällt in eine orthogonale Summe Ei-hermitescher
Formen, die nun wiederum diagonalisierbar sind, so daß jede
H-äquivariante Form durch eine Anzahl von Diagonalmatrizen mit
Eingängen aus den Schiefkörpern Ei beschrieben werden
kann. Dies und die genauere Untersuchung der zu einer
Form gehörigen Involution auf dem Endomorphismenring wird
im zweiten Kapitel dargestellt. Abschließend wird W(KH)
für formal reell abgeschlossene Körper K berechnet; hier
ist die Vermutung trivialerweise richtig, da W(KH) torsionsfrei ist.
Man kann eine H-äquivariante Form durch Einschränkung
der Operation auf eine Untergruppe E leicht als E-äquivariante
Form auffassen; umgekehrt kann man zu jeder E-äquivarianten
Form eine H-äquivariante Form so konstruieren, daß damit
der formale Rahmen für eine Induktionstheorie gegeben
wird und (wie bereits oben erwähnt) U(K-) und W(K-) Greenfunktoren
werden. Man kann dann nach einer möglichst kleinen Klasse ID von
Gruppen fragen, so daß die Summe der Induktionsmorphismen
ÅEeID,E
ÌHW(KE)
® W(KH)
surjektiv ist, in der Hoffnung, das Problem dann auf die Gruppen der
Klasse ID reduzieren zu können. ID heißt
Defektbasis, und A. Dress bewies
in [4], daß die Klasse der
2-hyperelementaren Gruppen eine Defektbasis für
den "lokalisierten" Greenfunktor U(K-)(2) ist. Diese
Klasse ist auch eine Defektbasis für den "lokalisierten"
Greenfunktor W(K-)(2);
dieses Resultat reicht aus, um das Problem
zu reduzieren (Induktionssatz):
Wenn die Vermutung für alle 2-hyperelementaren Gruppen richtig
ist, so ist sie für alle endlichen Gruppen richtig.
Dieser Sachverhalt wird im dritten Kapitel dargestellt.
Im vierten Kapitel wird der Begriff des formal reellen
Zerfällungskörpers eingeführt (Dress [3]): ein
formal reeller Körper K heißt ein formal reeller
Zerfällungskörper für H, wenn irreduzible KH-Moduln
bei Skalarenerweiterung mit
formal reellen Erweiterungskörpern irreduzibel bleiben.
Die Endomorohismenschiefkörper irreduzibler Moduln lassen
sich hier bestimmen, und mit Hilfe der Morita quivalenz kann W(KH)
weitgehend berechnet werden. Damit kann unter Vwerwendung des Pfisterschen
Resultates für formal reelle Zerfällungskörper die Vermutung
verifiziert werden (Satz 2 als Korollar zum Satz S. 57), speziell ist
sie richtig für beliebige formal reelle Köroper K und die symmetrischen
Gruppen Sn (Korollar 1).
Eine genauere Untersuchung des Skalarenerweiterungsmorphismus zusammen
mit einem zentralen Lemma (S. 60) ermöglicht eine
erheblich allgemeinere Aussage (Satz 1). Dazu
werden Charakterkörper untersucht. Unter Ausnutzung eines Resultates
von P. Roquette können nun formal reelle
Zerfällungskörper für irreduzible Moduln
nilpotenter Gruppen angegeben werden (Satz 3). Es folgt, daß
die Vermutung für beliebige
formal reelle Körper und nilpotente Gruppen richtig
ist (Korollar 2). Der Induktionssatz liefert eine verschäfte
Fassung von Satz 1 (Satz 4), wodurch man mit Satz 3 zeigen
kann, daß die Vermutung für beliebige formal reelle
Körper und Gruppen ungerader Ordnung richtig ist (Korollar
3).
U(KH) ist durch die äußeren Potenzen ein
l-Ring, so daß hier Torsionselemente aus
allgemeinen Gründen nilpotent sind. W(KH) ist kein
l-Quotient, aknn aber mit einer
l-Struktur versehen werden, wenn K ein
formal reeller Zerfällungskörper für H ist; damit hat man
einen zweiten Beweis für Satz 2.
Die hier erzielten Resultate erlauben es trotz der detaillierten Einsicht
in die Struktur der Wittringe nicht, die Vermutung für die Klasse
der 2-hyperelementaren Gruppen (und somit für alle endlichen Gruppen)
zu beweisen. A. Dress hat nach Fertigstellung dieser Arbeit
die Vermutung mit anderen Methoden in voller Allgemeinheit ohne
Benutzung des Induktionssatzes beweisen können. Sein
Beweis wird im fünften Kapitel dargestellt, nebst
einem zweiten Beweis für Korollar 3.
Für die Betreuung dieser Arbeit möchte ich Andreas
Dress herzlich danken. |